Min Lütt Dörp : „In die Wildnis ziehen und bleiben“

Petra Tschiesche liebt ihren Garten, der auch mit dem einen und anderen Kunstwerk aus Stahl und Stein gestaltet ist.
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Petra Tschiesche liebt ihren Garten, der auch mit dem einen und anderen Kunstwerk aus Stahl und Stein gestaltet ist.

Neu Mierendorf ist ein Ortsteil der Gemeinde Plaaz mit knapp 20 Einwohnern

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02. April 2015, 04:00 Uhr

„Es geht uns gut“, sagt Petra Tschiesche. Das erste Jahr ihrer Pensionierung genieße sie hemmungslos. „Es fehlt uns hier nichts“, meint Wolfgang Lange. Zusammen leben sie in Neu Mierendorf. Gleich hinter dem Haus ihres Nachbarn könnte die Welt zu Ende sein. Die mit Betonspurbahnen befestigte Straße wird zum Landweg. 18 Einwohner, so hat Petra Tschiesche gezählt, hat das kleine Dorf, dass es erst seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts gibt.


Leidenschaft für Steine und Garten


Nach der Bodenreform war aufgesiedelt worden. So kamen vermutlich 1947/48 die ersten Einwohner nach Neu Mierendorf. Viel später entstanden drei Wochenendhäuser, die, – nachdem entsprechendes Baurecht geschaffen worden war – inzwischen ganzjährig bewohnt sind. Petra Tschiesche lebt in einem der ehemaligen Wochenendhäuser. Die ehemalig Lehrerin liebt die Ruhe und ihren Garten. Seit einigen Jahren öffnet sie ihr Refugium während der offenen Gartenpforte. Nicht nur Blumen, ein kleiner Gemüsegarten und Bäume prägen das weitläufige Grundstück, sondern in erster Linie Steine. Steine und Fossilien sind das große Hobby der beiden. „Man zeigt seine Schätze auch gern mal vor“, gesteht Wolfgang Lange, freut sich schon auf das zweite Juniwochenende, wenn das Tor für Besucher wieder weit offen stehen wird, und ist auch schon wieder verschwunden. Zu tun gebe es immer, erklärt Petra Tschiesche, und die Ideen für Neues würden den beiden auch lange noch nicht ausgehen. Eines aber würde doch ein bisschen Ärger bereiten. Zwei Teiche in unmittelbarer Nähe wären mal wieder mehr als randvoll. Die Gräben müssten vermutlich mal richtig gesäubert werden, damit das Wasser wieder abfließen kann, denkt das ansonsten zufriedene Paar.


Kein kulturelles Leben, aber ganz viel Natur


„In die Wildnis ziehen und bleiben“ – dafür haben sich Ralf Boldt und Sabine Boldt-Sinnecker einst entschieden und finden das auch heute noch o.k. Es sollte grün sein und man wollte Platz haben für die Familie mit drei Kindern, erzählt der promovierte Molekularbiologe, der seit 2006 die Freie Schule Güstrow leitet. „Wir sind hier im Naturschutzgebiet, haben den See vor der Tür und können jeden Tag den Sonnenuntergang genießen“, schwärt der gebürtige Berliner. Nach dem Lehrerstudium – seine Frau ist Kunstlehrerin – arbeitete er an verschiedenen Universitäten, zu letzt in Rostock. „Immer befristete Jobs“, berichtet Ralf Boldt. Irgendwann wollte man sesshaft werden. In Neu Mierendorf sei man nicht aus der Welt. 15 Kilometer nach Güstrow zur Arbeit seien kein Thema. „Man kann hier machen, was man will“, betont der 56-Jährige. Sicher würden alle auch Rücksicht aufeinander nehmen. „Ein kulturelles Leben gibt es hier nicht“, räumt Ralf Boldt ein, nimmt dies aber nicht tragisch. Als Berliner könne man bis in die frühen Morgenstunden noch ausgehen. Das sei in Neu Mierendorf natürlich anders. Auch gebe es keine Kneipe um die Ecke. Aber Güstrow und Rostock seien nicht weit. Und immerhin habe man in Neu Mierendorf mittelschnelles Internet. „Schneller wäre besser, aber das ist wohl auf dem Weg“, berichtet Ralf Boldt. Die Windräder, die in Autobahnnähe gerade wie riesige Pilze aus dem Boden schießen, gefallen ihm nicht. Aber ein Steinkohlekraftwerk möchte er auch nicht haben, gesteht der Neu Mierendorfer und wendet sich wieder den Vorteilen des Lebens in dem kleinen Dorf zu: erholsame Spaziergänge und Beobachtungen in der Natur: Kranichen, Rehen, Fuchs und Dachs.

„Natur pur“ ist auch für Peter Trost ein gewichtiges Argument für Neu Mierendorf. „Kommt man nach Hause, hat man Urlaub, egal welchen Stress es bei der Arbeit gab“, versucht der ehemalige Güstrower, der als Berufsfeuerwehrmann in Rostock arbeitet, einer Erklärung.


Ein Schlaraffenland für Tiere


Er lebt ein Leben nach seinen Vorstellungen, hat um sich herum ein „Schlaraffenland für Tiere“. Allein von Walnussbäumen und Hasel würden 50 Tierarten leben, berichtet er. Weiteres Getier besiedelt die Benjeshecke, die Jahr für Jahr mit Baumschnitt verlängert und erhöht wird. Und nicht etwa zufällig, sondern mit Bedacht habe er Steinhaufen auf dem Grundstück arrangiert. U.a. Eidechsen sonnen sich gern auf den Steinen. Wen wundert es da noch, dass Peter Trost auch jede Menge Obstbäume vom Vorbesitzer übernommen hat. „Gravensteiner, Berner Rosenapfel, Jakob Fischer und Doppelter Hasenkopf“, zählt er die wohlklingenden Namen alter Apfelsorten auf. Unzählige Birnensorten kämen noch hinzu. Auch Esskastanien und Wildkirschen sowie drei Mammutbäume hat Peter Trost gepflanzt.

Von einem Dorfleben wie aus dem Bilderbuch will Peter Trost nicht unbedingt sprechen. Im Dorf würden eher Exzentriker wohnen, Zugezogene wir er und seine Familie. Er mag Exzentriker. Sein Sohn lebe noch bei den Eltern im Haus. „Sonst gibt es hier in Neu Mierendorf keine Kinder mehr“, stellt Peter Trost fest. Sie seien groß geworden und hätten das Dorf nach und nach verlassen. 

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