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Stadtvertretung Güstrow : In der Stadtmitte doch am Rand

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Kontroverse um Bank und Menschen: Stadtvertreter nehmen sich einer unwürdigen Situation auf dem Güstrower Pferdemarkt an

Ganz harmlos klingt ein Antrag, den Steffen Camenz (CDU) der Stadtvertretung jetzt zum Beschluss vorlegte: Entfernung der Parkbank Pferdemarkt/ Ecke Neue Wallstraße und Aufstellung an einer geeigneten Stelle am Weg an der Gleviner Mauer. Brisanz indes birgt die Begründung: „Diese Parkbank wird tagsüber zunehmend von stark alkoholisierten Personen genutzt. Viele Güstrower Bürger fühlen sich belästigt. Es wird u.a. uriniert, erbrochen, lautstark diskutiert und auch schon mal unter der Bank geschlafen…“ Es geht also nicht abstrakt um den geeigneten Fleck für eine Parkbank, sondern um Menschen, die diese nutzen.

Und so erntet der CDU-Mann Protest. Karen Larisch (Die Linke) kontert mit einem Gegenantrag: Eine neue Bank solle doch dort aufgestellt werden, wo die CDU sie haben wolle. Die Probleme an besagter Stelle jedoch ließen „sich nicht einfach an den Stadtrand verschieben“. Larisch mutmaßt, dass diese Personen eben gerade dort sitzen, „weil sie gesehen werden wollen“. Und da sei zu überlegen, wie diesen geholfen werden könne.

So vage will Gerhard Jacob (Freie Wähler) das nicht stehen lassen: Dieses Argument könne er nur nachvollziehen, „wenn klar ist, wer sich kümmern“ soll. Der Arzt, der viele Menschen mit dieser Problematik kenne, spricht von einer „tragischen Sache“. Und aus seiner Kenntnis heraus meint Jacob, die wollten auch nicht gesehen werden, sondern suchten die Geselligkeit. Er jedenfalls gehe an dieser Stelle auch nicht dicht vorbei.

„Diese Menschen gehören zu unserer Gesellschaft“, warf Hartmut Reimann (SPD) in die Debatte ein. Und: „Es gibt keine Vorschriften, wer auf einer Bank sitzen darf und wer nicht.“ Das Problem könne nicht mit Verschwinden einer Bank behoben werden, eher, meint Reimann, habe Güstrow noch zu wenig Bänke.

Das sehen übrigens „Bankbesitzer“, zumindest ein Teil von ihnen, ebenso. „Also ich möchte die Bank gerne hierbehalten“, sagt Michael, wie wir ihn nennen dürfen. Außer ihm treffen wir Heinrich, Mathias und Andreas an. Ihre Namen tun aber nichts zur Sache, auch wollen sie auf einem Foto nicht erkannt werden. Sie verwahren sich jedoch sogleich gegen die Vorwürfe. „Das sind die Anderen, die sich nicht benehmen können“, sagt Mathias. Michael stellt klar: „Wir haben gerade einer älteren Frau geholfen und trinken jetzt unser Feierabendbier.“ Früher hätten sie unweit, am sogenannten Fresseck sitzen können, doch weil dort eine richtige Bank gebaut wurde, gehe das jetzt nicht mehr. Hier werde nun „freundschaftlich geredet“, es sei für sie ein Treff-, Informations- und Tauschpunkt, an dem man sich durch gegenseitige Vermittlung auch helfe. „Erst gestern konnte einer einem Kumpel ein Fahrrad vermitteln, das er nutzlos im Keller zu stehen hatte“, erzählt Michael und meint, es sehe doch jetzt ordentlich aus.

Andere Tageszeit – Szenenwechsel. Andere Männer und manchmal auch diese oder jene Frau geben ein Bild des Jammers ab: volltrunken torkelnd und lallend, einer sitzt mit blankem Hintern auf dem Pflaster vor der Bank, verdächtige Flüssigkeit verbreitet sich, eine Flasche geht zu Bruch… Ansprache? Unmöglich. Offensichtlich „die Anderen“. Passanten reagieren angewidert, manche auch belustigt, Steffen Camenz und Gerhard Jacob sähen sich bestätigt.

Heinrich, Michael, Mathias und Andreas stellen dennoch klar: Zur Gleviner Mauer ließen sie sich nicht vertreiben. Heinrich: „Wo soll ich mir da mein Bierchen holen? Und wer gehbehindert ist, hat es dorthin auch schwer, oder?“ „Wenn die Bank wegkommt, dann komme ich mit dem Campingstuhl“, kündigt Michael schon mal an.

Steffen Camenz’ Antrag wurde in die Ausschüsse verwiesen. Die Diskussion geht also weiter.


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