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Güstrower Anzeiger

16. Dezember 2017 | 15:50 Uhr

Autismus : In der eigenen Welt

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Neu-Gülzowerin Moni Rehbein beschreibt humorvoll und tiefsinnig den Alltag mit ihrem autistischen Sohn

svz.de von
erstellt am 22.Feb.2016 | 07:12 Uhr

Der Sohn ist Autist, die Mutter hat Alzheimer und der Vater bereitet seinem Leben ein Ende – für Moni Rehbein einfach zu viele Schicksalsschläge, die sie alleine nicht mehr verarbeiten kann. Im Jahr 2012 sucht sich die heute 50-Jährige Hilfe, geht in eine psychiatrische Klinik. Hier entdeckt sie die Liebe zum Schreiben. „Ich lernte einen Lektor des Berliner Ullstein Verlags kennen. Er las zwei meiner kleineren Aufsätze und riet mir ein Buch zu schreiben. So bin ich zum Schreiben gekommen“, erklärt Moni Rehbein. Im Oktober erschien ihr Erstling „Bastis Welt – Schachmatt dem Chaos, die Liebe siegt“ schließlich im Engelsdorfer Verlag in Leipzig in einer Auflage von 1000 Exemplaren.

„Das ist etwas besonderes, denn Neuerscheinungen werden eigentlich nur in ganz kleiner Auflage herausgegeben“, sagt Moni Rehbein, die ab dem 30. März auf Lesereise durch die Republik gehen wird, stolz. Grund dafür sei sicher auch das Thema. „Es geht um das Leben mit einem autistischen Kind, um den alltäglichen Wahnsinn mit einem Sohn, der anders tickt“, erklärt Moni Rehbein, die mit ihrem Mann Rainer erst im August 2015 aus dem baden-württembergischen Heidenheim nach Gülzow gezogen ist. Beide engagieren sich hier ehrenamtlich für die Flüchtlingsarbeit.

Das ihr Sohn Basti anders ist, merkte Moni Rehbein schon früh. Im Kindergarten sei es ihm schwer gefallen die vielen Sinneseindrücke zu verarbeiten. Er bekam Angst, schrie und schlug um sich. Heute weiß Moni Rehbein was an ihrem Sohn anders ist. Basti hat Asperger-Autismus. „Er ist hoch intelligent – besonders im mathematisch-technischen Bereich. Er zieht Kubikwurzeln aus mehrstelligen Ziffern in nicht einmal einer Minute“, erklärt die 50-Jährige und fügt hinzu: „Außerdem spricht er mehrere Sprachen und ist in der internationalen Schachszene kein Unbekannter.“


Verpackte Geschenke bedeuten Stress

Doch Veränderungen sind für den heute 29-Jährigen eine Katastrophe. So trägt Basti jeden Tag die gleiche Kleidung: blaues T-Shirt, schwarze Hose, schwarze Sweatjacke – keine Socken, keine Schuhe. „Das ist eine echte Herausforderung. Zum Glück habe ich einen Händler im Internet gefunden, der diese Sachen in Übergröße anbietet. Ich bestelle sie dann gleich in Chargen“, sagt Moni Rehbein. Das ihr Sohn nahezu ausschließlich barfuß unterwegs ist akzeptiert sie. „Es bedeutet für ihn Stress und man lernt das zu verstehen“, sagt sie weiter.

Ein Geburtstag mit verpackten Überraschungsgeschenken – was für gesunde Menschen toll ist, ist für Basti einfach zu viel. Heute weiß Moni Rehbein das. Sie schenkt ihrem Sohn Bücher oder mal einen Gutschein – aber nie verpackt. „Das ist ein lebenslanger Lernprozess – für beide Seiten. Wir haben daran gearbeitet, dass sich Basti, wenn ihm alles zu viel wird, zurückzieht und wir sind immer offen und ehrlich zueinander“, sagt sie.

Besonders schwierig beschreibt Moni Rehbein die Zeit vor der Diagnose des Asperger-Autismus. Man habe ihr die Schuld an seinem aggressiven Verhalten gegeben, sie nicht ernst genommen. „Erst im Alter von neun Jahren wussten wir, was es ist – da war Basti schon aus allen Schulen rausgeflogen.“ Nun führt Basti sogar ein eigenständiges Leben, hat eine kleine Wohnung in Güstrow, plant sein Abitur nachzumachen und ein Schachturnier in der Barlachstadt. Am 30. März liest Moni Rehbein von 19.30 Uhr an im Horizonte-Zentrum in der Güstrower Clara-Zetkin-Straße aus ihrem Buch.

Was ist Asperger-Autismus?

Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung. Häufig bezeichnet man Autismus bzw. Autismus-Spektrum-Störungen auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires auswirken. Der Autismus wird in „Frühkindlichen Autismus“, „Asperger-Syndrom“ und „Atypischen Autismus“ unterschieden. Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich von anderen Autismus-Störungen in erster Linie dadurch, dass oft keine Entwicklungsverzögerung in der Sprache oder der kognitiven Entwicklung vorhanden ist. Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom besitzen eine normale allgemeine, in Teilgebieten besonders hohe Intelligenz. Hingegen sind in der psychomotorischen Entwicklung und der sozialen Interaktion Auffälligkeiten festzustellen. Besonderheiten in der Wahrnehmung und Verarbeitung von Umweltreizen und Sinneseindrücken treten auch bei Menschen mit Asperger-Syndrom häufig auf.

Quelle: Bundesverband Autismus Deutschland e.V.


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