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Alkoholsucht : „Ich hatte keine Identität mehr“

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Wie Madeleine Neumann abgestürzt ist und einen Weg aus der Alkoholabhängigkeit sucht

von
erstellt am 10.Aug.2017 | 05:25 Uhr

Auslöser waren Todesfälle enger Familienangehöriger, die Madeleine Neumann in den Abgrund stürzen ließen. Schicksalsschläge, die jeden Menschen treffen könnten. Madeleine Neumann fand schnellen Trost im Alkohol. Erst ein Glas am Abend, dann zwei, erst war es ein Sekt, später wurde es Wodka, drei Flaschen am Tag. Heute, als trockene Alkoholikerin, weiß die 35-Jährige: „Ich bin total abgestürzt.“

Vor fünf Jahren war das, und die gelernte Hauswirtschafterin ist immer noch erstaunt, wie schnell man da „drin“ ist, wie sie sagt. Die Sucht bestimmte mehr und mehr ihren Alltag, sie verlor ihre Arbeit in der Pflege und, was sie besonders traf, auch ihre Familie. „Ich hatte alles weggegeben, nur um an Alkohol heranzukommen – meine Geldkarte, mein Fahrrad habe ich verpfändet, zuletzt sogar meine Krankenversicherungskarte… Ich hatte keine Identität mehr.“

Rettung in SOS-Station des Diakonischen Werks

Und sie wurde krank darüber, alkoholkrank. Eine Therapie, vor drei Jahren begonnen, brach sie bald wieder ab. „Der Kopf war dazu nicht bereit“, erklärt sie, heute wissend, dass eine wichtige Voraussetzung für Aussicht auf Heilung die innere Bereitschaft des alkoholkranken Menschen ist.

Die Rettung kam Anfang des vergangenen Jahres. Einen Flyer habe sie da in die Hand bekommen, der sie auf das Serrahner Diakoniewerk hinwies. Glücklicherweise war in der dortigen SOS-Station der Suchtberatung gerade auch ein Platz im Frauenhaus frei, und sie zog ein. Von Rückfällen nicht verschont geblieben, konnte Madeleine Neumann längst in das Betreute Wohnen des Diakoniewerkes wechseln. Mittlerweile habe sie sich so gefestigt, dass sie selbst in Suchtnot geratenen Menschen helfen möchte. Ehrenamtlich arbeitet sie nun in der SOS-Station, zum Beispiel in der verantwortungsvollen Aufgabe der Tablettenausgabe, wohl wissend, wie sie hier einmal gestrandet ist. Und auch weil sie weiß, dass hier jegliche Hilfe Not tut, auch Spenden. „Hier wird Bekleidung benötigt, Einrichtungssachen und natürlich auch Geld. Die Leute, die hier ankommen, sind ja in der Regel völlig mittellos.“

Was auch hilft: Futterspenden für die Tiere der Station. 27 Ziegen und Schafe grasen im weiträumigen Gelände, dazu gibt es Kaninchen und auch mal den Hund eines Klienten. Die Tiere sind wichtiger Bestandteil der Therapie, die kranken Menschen finden bei der Betreuung eine sinnvolle Beschäftigung. Wenn zum Beispiel ein Lämmchen von Hand aufgezogen wird, fühle sich der Mensch wieder gebraucht, hat Madeleine Neumann erfahren.

Dass sie nicht vollständig geheilt werden kann, weiß die 35-Jährige. Aber sie ist stabil geworden, sagt sie über sich, so stabil, dass sie aus der Betreuung ausziehen könnte. Nur weil sie noch keine Wohnung in der Umgebung fand, habe sie ihren Aufenthalt in Serrahn noch einmal verlängert. „Ich möchte gerne in dieser Gegend bleiben“, hofft sie. Ihre Ehe, inzwischen geschieden, habe sie nicht mehr retten können. In der Therapieeinrichtung hat sie einen neuen Lebensgefährten gefunden. Andreas Marin, 49, hat einen ähnlichen Weg hinter sich; auch er hilft heute ehrenamtlich in der SOS-Station. Und immerhin: Ihren Kindern, sechs und 13 Jahre alt, nähert sie sich wieder. „Ich hatte meine Kinder losgelassen – nur wegen Alkohol!“ Das sei das Schlimmste. Wie sie das so sagt merkt man ihr an: Verstehen kann sie das heute selbst nicht.

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