Hilferuf : „Ich fühle mich wie obdachlos“

Täglich kommt Gundula Gloose mehrmals in ihre Wohnung, um zu lüften, nach dem Hund und nach dem Rechten zu sehen. Aushalten kann man es hier im Winter nicht.
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Täglich kommt Gundula Gloose mehrmals in ihre Wohnung, um zu lüften, nach dem Hund und nach dem Rechten zu sehen. Aushalten kann man es hier im Winter nicht.

Unglückliche Umstände lassen Gundula Gloose in Lüssow frieren: nach Kabelbruch kein Strom, keine Heizung / Unterkunft bei Freunden / Schnelle Hilfe gefragt

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04. Dezember 2014, 22:00 Uhr

In einer ungewöhnlichen Notsituation ist Gundula Gloose. Die Lüssowerin, die als letzte noch verbliebene Mieterin der Deutschen Bahn in einem Mehrfamilienhaus abseits der Gleise wohnt, sitzt seit drei Wochen ohne Strom im Haus. Die Ursache ist der Bruch eines Kabels unter dem Gleisbett, das die Bahn nicht mehr aufwändig reparieren will – das Haus soll ohnehin stillgelegt werden. Bis zum Jahresende läuft der Mietvertrag für Familie Gloose, zu der ihr schwerkranker Ehemann gehört und ein großer, wachsamer Schäferhund-Mischling – mit dem Zusatz „gegebenenfalls weiter.“

Ohne Strom geht keine Heizung im Haus, 2 Grad zeigt das Thermometer gestern in der Wohnstube an. Ging das einige Tage noch irgendwie, so kriecht jetzt die Kälte unbarmherzig ins Haus. Zum Glück fand die 60-Jährige Unterkunft bei einer befreundeten Familie im Ort, wo sie zeitweise ein Zimmer belegen darf. Eine Ersatzunterkunft in Güstrow, von der Wohnungsverwaltung der Bahn angeboten, sei für sie unzumutbar, berichtet sie. Die sei zu klein, verbaut. Und außerdem wolle sie doch lieber in Lüssow bleiben, wo sich die ehemalige Fahrdienstleiterin seit 40 Jahren zu Hause fühlt. Im Ort habe sie auch schon eine, wie sie meint, geeignete Wohnung ausgeguckt. Die ist frei, Parterre, was für ihren Mann gut ist – jedoch noch nicht bewohnbar, nachdem die Vormieter raus waren. Eine Instandsetzung käme aber erst im nächsten Jahr infrage, bekam sie von der Wohnungsverwaltung Auskunft. „Da habe ich noch ,Glück’“, übt sich Frau Gloose in Sarkasmus, „dass mein Mann nach einem Schlaganfall gerade in der Reha ist. Ich wüsste jetzt gar nicht, wohin mit ihm.“

Dass der Invalidenrentnerin bisher nicht geholfen wurde, will Wohnungsverwalter Ralf Lenz nur als ein Missverständnis für möglich halten. „Ich vermute da irgendwo ein Kommunikationsproblem. Wir wollen ja vermieten.“ Bürgermeister Wilfried Zander sagt ebenfalls auf der Stelle Unterstützung zu. „Wir haben doch leere Wohnungen. Wenn es aber eine ganz bestimmte sein soll, wird es natürlich schon schwieriger“, denkt der Bürgermeister laut.

Rein rechtlich könnte Familie Gloose die Bahn zur Wiederherstellung des vermietbaren Zustandes zwingen, klärt Ralf Lenz auf. Die Frage bliebe dennoch, wie lange das dauern würde. Und von einer Mietminderung hätte Frau Gloose im Moment wohl kaum etwas. Dass sich die Bahn-Firma nicht kümmert, kann man nicht sagen. Selbst während des SVZ-Besuchs bei Frau Gloose rief eine Mitarbeiterin an, erkundigte sich nach dem Stand der Dinge. Andere Wohnungen als die schon angebotene wären in der Umgebung aber derzeit nicht frei.

Der Hund könnte, so schien es zunächst, zum Problem werden. Trennen wolle sich ihr Mann jedenfalls auf keinen Fall von dem treuen Begleiter. Erst recht jetzt nicht, da noch unklar ist, wie mobil der 65-Jährige überhaupt wieder sein wird. Wilfried Zander verweist auf in Lüssow übliche Mietverträge: „Da erlauben wir bestenfalls einen Schoßhund. Leider nehmen nämlich die Hunde, statt der Kinder Überhand.“ Zander spricht von einer „Herausforderung“ für die Gemeinde, wenn ganz speziell Hundebesitzer ausziehen. Oft sei die Wohnung dann so verwohnt, dass es mit neuen Tapeten nicht getan ist. Doch Benny, wie der Rüde gerufen wird, könne gar nicht in eine Wohnung, versichert Frau Gloose. Sie wolle sich einen der freien Gärten in Lüssow mieten, damit Benny wie gewohnt als Hofhund leben kann.

Doch bis es soweit ist, soll es möglichst nicht Weihnachten werden. „Wo soll ich denn hin!? Ich fühle mich wie obdachlos“, sagt Gundula Gloose verzweifelt. Schließlich will ihre Gastgeberfamilie vielleicht auch im Kreise der Liebsten feiern. Ähnlich sieht es Ralf Lenz. „Ich werde heute noch den Bürgermeister kontaktieren“, verspricht der Wohnungsverwalter der Gemeinde Lüssow.

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