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Güstrower Anzeiger

23. Oktober 2017 | 15:46 Uhr

Min Lütt Dörp : Hinter den sieben Bergen …

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Augustenberg gehört zu Striggow / Nur drei Häuser sind hier ständig bewohnt

von
erstellt am 02.Feb.2015 | 23:30 Uhr

Ein scharfer kalten Wind pfeift über die Felder. Dem Hinweisschild „Augustenberg 2 km“ in Striggow folgend führt die Betonspurbahn bergauf, bergab. Unweigerlich schleicht sich der Gedanke an die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen ein. Hier könnten sie wohnen. Selbst als die kleinen Ansiedlung – wohl einst das Vorwerk des Gutes Striggow – näher rückt, versteckt sie sich noch hinter großen Bäumen.

„Ich liebe die mecklenburgische Landschaft“, sagt Dorothea Prühl (77). „Jeder hier hat seine Marotten, sonst würde er nicht hier leben und auch das liebe ich“, fügt die Künstlerin aus Halle hinzu. 1975 kaufte sie gemeinsam mit anderen den Schafstall, ein uriges Gebäude. Ende der 1920er-Jahre hätten sich Schwaben dort angesiedelt und bewusst karg gelebt. Lange habe sie noch Kontakt zu deren Kinder gehabt. „Wir haben das Gebäude mit Wohn- und Stallteil so erhalten, wie es war“, berichtet Dorathea Prühl in ihrer Holzwerkstatt mit dem wohlig warmen Kachelofen. Vier Parteien gehöre das Haus. Erstaunlicherweise habe das über die Jahrzehnte funktioniert. Jeder hat ein spartanisch eingerichtetes Zimmer. Die Seniorin kann es sich einrichten, ist zu allen Jahreszeiten mal für ein paar Wochen in Augustenberg. „Im Sommer werden die Aufenthalte so organisiert, dass jeder zu seinem Recht kommt“, berichtet die Künstlerin, die an der Kunsthochschule Bad Liebichenstein in Halle studierte und ab Mitte der 1990er-Jahre im Fachgebiet Schmuck des Design- und Kunstbereiches der Hochschule eine Professur inne hatte. 2002 ging sie in den Ruhestand, zog sich damit aber nicht etwa in die mecklenburgische Abgeschiedenheit zurück. „Ich brauche nach wie vor die Großstadt. Ich will nicht für mich allein arbeiten“, erklärt die 77-Jährige. Die Kundschaft für ihre Schmuckstücke – auch aus Holz, das sie in und um Augustenberg findet – sei eher in der Großstadt zu Hause.


Von Rostock nach Augustenberg


Der Großstadt kehrten die ständigen Bewohner Marion (72) und Jürgen (76) Rohde sowie Peter Hille bewusst den Rücken. Sie hatten schon zu DDR-Zeiten ein Wochenenddomizil in Augustenberg und entschieden sich irgendwann, ganz aufs Land zu ziehen. „Zwei Wohnungen wurden auf die Dauer zu teuer“, berichtet Marion Rohde. Arbeitslosigkeit kam hinzu, so dass man vor 18 Jahren von Rostock nach Augustenberg zog. Auch heute noch sei man von Wochenendgästen umgeben. „Wir haben schon vorher eigentlich nur für Augustenberg gelebt“, sagt die Frau, die einst in Großbetrieben im Versorgungsbereich tätig war. Sie liebt die Ruhe und die Natur, den kleinen See vor der Haustür. Das Grundstück mit Gemüsegarten, Blumen und vielen Obstbäumen ermögliche zum Teil eine Selbstversorgung. Marion Rohde berichtet von alten Obstbäumen. Erst jetzt habe sie einen Apfelbaum bestimmen lassen. Es ist ein Geflammter Kardinal, eine sehr selten gewordene alte Sorte. Noch im Februar erwarte sie einen Obst-Kundler, der Reiser schneiden will, um zum Erhalt dieser alten Sorte beizutragen.


Blick von der Couch auf die Futterstation


Wintertristesse ist für Marion Rohde kein Thema. Zur Weihnachtszeit sei ihr Grundstück hell erleuchtet. „Auch wenn es niemand sieht, nur für uns“, sagt die 72-Jährige. Außerdem kümmert sie sich um die vielen Vögel. Gerade kam Futter-Nachschub ins Haus: 100 Meisenknödel und 25 Kilogramm Sonnenblumenkerne. Die Futterhäuschen sind so aufgestellt, dass die Rohdes das muntere Treiben vom Wohnzimmer aus beobachten können. „Sie kommen immer zu den selben Zeiten, zum Beispiel 20 nach Zwölf zum Mittag und nach 15 Uhr zum Kaffee“, berichtet Marion Rohde amüsiert. Blau- und Kohlmeise, Rotkehlchen, Kleiber und Eichelhäher und manchmal auch ein frecher Falke seien an der Futterstation zu Gast.

Froh ist Marion Rohde, dass die Straße nach Augustenberg vor einigen Jahren ausgebaut wurde. Hinter ihrem Grundstück höre die Betonspurbahn auf. Der Handy-Empfang sei eher schlecht und der Weg ins Internet eher ein langwieriger. Aber damit lebe man in Augustenberg.


„Ich muss nicht mehr um die Welt segeln“


Mit zunehmendem Alter werde es allerdings schwierig, schätzt Peter Hille (76) ein. Ohne Auto sei man ohnehin verloren. In der Regel fahre er einmal in der Woche zum Einkaufen nach Krakow am See. „Wenn es nicht mehr geht, suche ich mir eine Wohnung in Krakow oder Lalendorf“, sagt der Mann, der einst aus dem Anhaltinischen wegen der Seefahrt in den Norden gekommen war. In einem ehemaligen Stallgebäude richtete er sich in Augustenberg ein Wochenenddomizil ein. „Nach der Wende konnten die Pächter von der Gemeinde kaufen – günstig“, erzählt Peter Hille. Er genießt die Ruhe, beobachtet Tiere – erst vor ein paar Tagen wohl um die 20 Kraniche –, lebt in der Natur und mit der Natur. „Einen Wecker brauche ich nicht. Ich muss auch nicht mehr um die Welt segeln“, sagt er. Nur hin und wieder fahre er mal an die Ostsee, um das Meer nicht ganz zu vergessen.

 

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