Güstrow : Hilfe gegen den Schuldenberg

Schuldnerberatung beim DRK-Kreisverband Güstrow nur am Computer und per Telefon: Simone Obermann muss derzeit wegen der Corona-Pandemie auf persönliche Beratung verzichten.
Schuldnerberatung beim DRK-Kreisverband Güstrow nur am Computer und per Telefon: Simone Obermann muss derzeit wegen der Corona-Pandemie auf persönliche Beratung verzichten.

Bei finanziellen Problemen zurzeit keine Beratung von Angesicht zu Angesicht.

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20. April 2020, 05:00 Uhr

Unbesetzt bleiben die beiden Stühle für Klienten im Büro der Schuldnerberatung des DRK-Kreisverbands Güstrow. Zum Schutz vor einer möglichen Infizierung mit dem neuartigen Coronavirus. Dieser Herausforderung hat sich Simone Obermann bisher noch nie stellen müssen. Seit 26 Jahren ist sie hier tätig. Aber nun bleiben für eine gewisse Zeit nur der Computer und das Telefon, um übermäßig verschuldeten Menschen zu helfen. Die Coronakrise sei allerdings noch nicht bis zur Schuldnerberatung durchgeschlagen, meint die Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen.

„Die Art der Beratung hat sich nun einfach verändert. Mimik und Gestik fehlen, die pädagogische Arbeit mit den Ratsuchenden am Telefon erfordert hohe Sensibilität“, erläutert Siomone Obermann. Denn die wichtigen nichtsprachlichen Informationen eines persönlichen Gesprächs fehlen. Die Stimme muss am Telefon weitaus mehr analysiert werden. Denn bei einer Beratung ist die psychische Verfassung eines jeden Einzelnen wichtig.

Waren kaufen auf Kredit ist heute Alltag. Simone Obermann weiß: Die Guthabenzinsen sind kaum der Rede wert, die für einen Kredit gering. Meist ist bisher das Konsumverhalten der Grund gewesen, warum die Schulden über den Kopf wachsen. Aber auch Arbeitslosigkeit, Trennung oder Scheidung vom Partner, Krankheit und Scheitern in der Selbstständigkeit führen oft in eine finanzielle Notlage.

Nun stehen der Schuldnerberatung die Auswirkungen der Coronakrise bevor. „Die Leute, die arbeitslos wurden, in Kurzarbeit sind oder nicht mehr selbstständig sein können, sind in einer Art Ohnmacht. In einer Schockstarre, weil sie noch gar nicht wissen, was auf sie alles zukommt“, bewertet Simone die Situation.

Im Moment würden noch alle Zahlungsforderungen erfüllt, wenn es Sparvermögen oder Lebensversicherungen gibt. Aber Mietzahlungen beispielsweise seien bisher nur bis Ende Juni gestundet. Auch großzügige Kredite zur Überbrückung der jetzigen Lebenssituation müssten später zurückgezahlt werden. „Wir befürchten, dass es vermehrt zu finanziellen Problemen kommen wird“, so Obermann.

Die Expertin rechnet damit, dass die Zahlen der Beratungen in etwa drei Monaten rasant steigen. Im vergangenen Jahr hat die Stelle fast 1400 Beratungen erfasst, davon 324 Kurzberatungen.

Bereits jetzt ist Simone Obermann klar, dass die Beratungsstelle mehr Klienten als im Vorjahr betreuen wird – das war schon vor der Pandemie offensichtlich. Denn 2019 betreute die DRK-Fachleute 66 neue Fälle, in den ersten beiden Monaten dieses Jahres sind bereits 18 neue dazugekommen.

In der Regel dauert die Schuldnerberatung in Güstrow Beratung drei bis fünf Jahre. „Zaubern können wir aber leider auch nicht. Wenn es kein eigenes Budget gibt, bleibt nur die Verbraucherinsolvenz“, erklärt Simone Obermann. Im vergangenen Jahr haben 13 Klienten einen solchen Antrag gestellt. „Dieses Jahr werden es sicher mehr“, sagt die Expertin. Aber sie macht auch Mut: „Wir finden wirklich für alle eine Lösung. Das ist ganz wichtig.“

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