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Güstrower Anzeiger

20. November 2017 | 01:39 Uhr

Helle Haut – dunkle Haut

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Rassismus / Jennifer Nitzschke berichtet für Klecks aus Mao, Valverde, Dominikanische Republik / Teil 4

Als ich auf die Insel Hispañola kam, habe ich eine ganz neue Art von Rassismus kennen gelernt, einen unverhohlener Rassismus. Es gibt in der Dominikanischen Republik, wo ich seit einigen Monaten im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst tätig bin, zwei Arten: Den positiven Rassismus, so wie ich ihn erfahre, denn ich habe helle Haut, und den negativen Rassismus, so wie ihn hier wahrscheinlich alle Menschen mit dunkler Haut bereits erlebt haben.

Wie kann Rassismus positiv sein? Indem mir viel positive Aufmerksam zuteil wird. Der Verkäufer an der Theke winkt mich, am Ende der Warteschlange stehend, sofort zu sich. Im Bus darf ich ganz vorne die beste Sicht genießen. Auf der Straße habe ich Pfiffe und Rufe von Männern im Rücken und neidische Blicke von Frauen dazu. Die dominikanische Gesellschaft liebt weiße Menschen. Dabei teilt sich das Land die Insel mit Haiti, dem ärmsten Land der nördlichen Erdhalbkugel, in dem 95 Prozent schwarze Bevölkerung lebt, wobei es in der Dominikanischen Republik offiziell nur elf Prozent sein sollen.


Schwere Arbeit und wenig Geld für Haitianer


Seit Jahrhunderten gibt es kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gebieten. Die Kulturen der beiden Länder sind so unterschiedlich wie die Hautfarben. Und doch kommen Hunderte Haitianer täglich über die Grenze. Sie hoffen auf Arbeit und Geld. Arbeit bekommen sie im Baugewerbe, auf den Feldern, überall dort, wo körperlich anstrengende Tätigkeiten notwendig sind. Geld bekommen sie lächerlich wenig dafür. Sie werden an allen Ecken und Enden ausgenutzt und schikaniert. Der Verkäufer lässt sie warten, bis es keine anderen Kunden mehr im Laden gibt. In einen Bus dürfen sie oftmals gar nicht erst einsteigen und auf den Straßen begegnen ihnen hasserfüllte Blicke.

Viele Menschen, so hört man immer wieder, denken die Dominikanische Republik sei ohne die Haitianer besser bestellt. Meinen größten Schock in dieser Hinsicht habe ich erlebt, als ein Mann, den ich für intelligent hielt, mir mit Hitlergruß begegnete und ganz offen meinte er sei ein Anti-Haitianer. Nach einer langen Diskussion habe ich die Hoffnung seine Meinung ändern zu können, aufgegeben und mit ihm seither nie wieder gesprochen.


Blick von der Grenzbrücke auf Fluss


Die Armut des westlichen Teil des Landes kommt in der Dominikanischen Republik kaum zum Vorschein. Ein Grenzbesuch in der Stadt Dajabón öffnet einem die Augen. Der Fluss mit dem Namen „Massaker“ bildet die Grenze. Von einer Brücke aus kann man das Geschehen auf der anderen Seite verfolgen. Der Anblick ist erbärmlich und erschreckend. Frauen, waschen in dem dreckigen Fluss die Wäsche, um sie auf dem binationalen Markt in Dajabón zu verkaufen. Dazwischen baden und spielen nackte Kinder. Auf dem Markt bekommt man jeden Montag und Freitag angeblich alles zu kaufen: frisches Obst und Gemüse, geschmuggelten und geklauten Schnick-Schnack, Kleidung. Hauptsächlich sollen es Klamotten sein, die aus den USA als Spenden geschickt werden. Auch gespendete Medikamente und Hygieneprodukte werden feilgeboten, obwohl sie doch eigentlich für die bedürftigen Haitianer gedacht waren.

Doch was ist mir lieber? Saubere Zähne oder eine Schüssel Reis? Ohne Essen brauche ich keine Zahnbürste. In Gedanken versunken fahre ich wieder nach Mao und genieße die Aussicht neben dem Busfahrer. Der Schwarzhäutige in der letzten Reihe jedoch, wird bei einer Polizeikontrolle aus dem Bus geholt. Wir fahren ohne ihn weiter.

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