Gülzow : Gülzower besucht Krisenregion

Hartmut Kowskys Lebensgefährtin Angela Prinz stellt Schulbücher in Masalit vor.
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Hartmut Kowskys Lebensgefährtin Angela Prinz stellt Schulbücher in Masalit vor.

Hartmut Kowsky berichtet über seinen Besuch im Tschad – seinen Eindruck über Flüchtlingslager, Entwicklungsarbeit und Gemeinschaftssinn.

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07. Juni 2016, 21:00 Uhr

Beeindruckt kehrte der Gülzower Hartmut Kowsky aus dem Tschad zurück. Im Mai hatte er hier drei Wochen bei seiner Lebensgefährtin Angela Prinz verbracht, die seit 1990 in der Region lebt und über die christliche Organisation „Wycliff“ Entwicklungsarbeit leistet. Sprachforschung, Schulbildung und Bibelübersetzung sind ihre Schwerpunkte. Kowsky war selbst 25 Jahre in der Entwicklungsarbeit tätig – war unter anderem an der Elfenbeinküste, in Marokko und im Sudan. Seit November vergangenen Jahres lebt der gebürtige Rheinländer in Gülzow und engagiert sich hier für Flüchtlinge.


Abenteuerlust war die Motivation


„Ich war in der christlichen Jugendarbeit tätig, habe Referate von Entwicklungshelfern gehört und bin so zu meinem Berufswunsch gekommen. Meine Motivation war neben christlichen Motiven natürlich auch die Abenteuerlust“, erklärt der heute 61-jährige Agraringenieur. Im Rahmen seines Studiums machte er Praktika in Deutschland und auch im Senegal. Dafür habe er sich damals zwei Urlaubssemester genommen. „Ich wollte einfach testen, ob mir der Job auch tatsächlich liegt“, sagt Hartmut Kowsky. Anfangs sei er gemeinsam mit seiner Familie gereist. An die Elfenbeinküste und nach Marokko begleiteten ihn auch seine Töchter Lea und Jana. „Für ihre persönliche Entwicklung waren diese Erfahrungen sehr gut. Es hat viel Spaß gemacht und die Kinder haben natürlich auch eine hervorragende Möglichkeit gehabt die Sprache zu erlernen“, sagt Kowsky weiter.

Zuletzt war Hartmut Kowsky zwischen 2011 und 2014 in den Nuba-Bergen im Südsudan und in Kassala an der Grenze zu Eritrea tätig. Hier betreute er zwei Nothilfeprojekte im Bereich Landwirtschaft. „Das war eine sehr basisnahe Arbeit – insbesondere auch mit den Kollegen vor Ort“, sagt der Agraringenieur. Hier habe er viel gelernt auch für sein persönliches Leben. „Es hört sich vielleicht komisch an, aber die Menschen sind trotz ihrer Armut sehr glücklich – nicht zuletzt liegt das an dem Gemeinschaftsgefühl. Auch ich wurde immer herzlich aufgenommen“, erinnert sich der 61-Jährige, der nicht verschweigt, dass es auch beängstigende Erlebnisse auf seinen Reisen gab. „Bei einem Feldbesuch in Burundi gerieten wir zwischen die Fronten im Konflikt zwischen den Tutsi und Hutu. Das war damals wirklich knapp. Da hatte ich zum ersten Mal richtig Angst“, verrät Hartmut Kowsky ehrlich.

Schließlich kehrte er 2014 nach Deutschland zurück. „Die vielen Auslandsaufenthalte gingen mir schon sehr an die Substanz“, sagt er heute. Freunde erzählten ihm von einem Projekt in Gülzow – dem gemeinsamen Leben mit Flüchtlingen und der aktiven Flüchtlingshilfe vor Ort. So kam der umtriebige Rheinländer schließlich Ende 2015 nach Mecklenburg. „Ich wurde hier herzlich aufgenommen und das macht mir viel Spaß“, erzählt er heute an seinem runden Esstisch in Gülzow sitzend.


Afrikas größte Flüchtlingskatastrophe


Die Reise nach Hadjer Hadid im Osten des Tschads im Mai war rein privater Natur. „Ich wollte meine Freundin Angela besuchen und mir die Arbeit vor Ort ansehen“, erklärt Kowsky, den die Erlebnisse sehr beeindruckten. Seit dem Ausbruch der Darfur-Krise 2003 – seit 13 langen Jahren – leben hier rund 400 000 Menschen – darunter viele Masalit – in riesigen Flüchtlingslagern. „Diese größte Flüchtlingskatastrophe Afrikas ist irgendwie aus dem Blickfeld geraten“, sagt Kowsky. Die Organisation, für die Kowskys Lebensgefährtin tätig ist, hat es sich hier zur Aufgabe gemacht den Menschen den Zugang zur Bildung in ihrer Muttersprache zu ermöglichen. „Masalit ist ursprünglich keine Schriftsprache“, erklärt Kowsky und fügt hinzu: „Die Bibel und Lehrbücher für die Schule werden vor Ort in Masalit übersetzt, Lehrer werden geschult und so wird vor Ort – in den Flüchtlingslagern – eine Schulbildung ermöglicht.“

Im Mai wurde hier sogar ein erstes Fest zum Jahrestag der Sprache gefeiert. „Die Sprache dient als kulturelle Identifikation. Nur durch Bildung hat man hier eine Zukunft“, sagt Hartmut Kowsky, den auch der Enthusiasmus der Entwicklungshelfer vor Ort beeindruckt. „Das ist eine Arbeit unter einfachsten Verhältnissen und mit einem geringen Budget. Ich habe, wie die anderen auch, in den traditionellen Lehmhütten gelebt. Strom wird nur über Solarpanel erzeugt – selbst der Herd ist Solarbetrieben“, beschreibt Kowsky die Lebensumstände der Helfer, die sich dennoch von denen der Bevölkerung positiv abheben. Auch die Temperaturen von 40 bis 45 Grad Celsius seien belastend, sagt der 61-Jährige, der die Erfahrung dennoch nicht missen möchte.

Allen Kritikern – insbesondere der aktuellen Flüchtlingssituation – rät Kowsky einmal ein Lager wie Breiing oder Greiding im Tschad zu besuchen und so zu leben. „Das eröffnet einen ganz neuen Blick auf diese Dinge“, sagt er. Besonders habe ihn beeindruckt, dass viele Entwicklungshelfer unterschiedlichster Nationen dort schon bis zu 25 Jahren tätig sind. „Durch diese Kontinuität ist die Hilfe zugleich nachhaltig. So eine Arbeit kann man nur machen, wenn man eine hohe Motivation hat und viel von den Menschen zurück bekommt“, resümiert Hartmut Kowsky.

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