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Güstrower Anzeiger

24. November 2017 | 19:52 Uhr

Stadtsanierung : Große Sorge um graues Kleinod

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Kunst- und Altertumsverein Güstrow mahnt Wachsamkeit im Umgang mit historischer Bausubstanz an

von
erstellt am 02.Okt.2014 | 06:00 Uhr

Mehr „kollektive Wachsamkeit und Achtsamkeit“, mahnt der Kunst- und Altertumsverein Güstrow an. In einem offenen Brief beklagt der Verein den herben Verlust an historischer Bausubstanz durch den Großbrand Mitte August. Das Feuer zerstörte das Eckhaus am Markt 29, in dem die Marktdrogerie ihr Zuhause hatte, und das benachbarte Gebäude Nr. 30. Infrage gestellt wird der schnelle Abriss der Nr. 29. „Der Abriss war behördlich gefordert und genehmigt, unvermeidbar und regelhaft. Dennoch ist es bedauerlich, dass die Güterabwägung anscheinend zu Lasten des Denkmals ausfiel“, formuliert der Verein und hofft, dass dem Nachbarhaus nicht das gleiche Schicksal widerfahren möge.


Markt 29 zu schnell abgerissen?


Aus der Sicht der Mitglieder des Kunst- und Altertumsvereins und weiterer rund 30 Unterzeichner des offenen Briefes geschah der Abriss des einsturzgefährdeten Baus vom Grünen Winkel aus „irritierend eilig und möglicherweise unter Beseitigung historischer Befunde“. Angeführt werden das Ständerwerk, zwei geschnitzte Knaggen sowie Winkelstücke an den senkrechten Ständern und Dachbalken. Auch wenn man es dem sanierungsbedürftigen Fachwerkbau vielleicht nicht angesehen habe, so habe es sich doch um einen der wenigen Renaissanceständerbauten in Mecklenburg gehandelt. Der wertvollste Teil erstreckte sich entlang des Grünen Winkels. „Vielleicht hätte die 400 Jahre alte straßenseitige Ständerwand abgestützt und in situ belassen werden können, um in den nun nötig gewordenen Neubau integriert werden zu können“, heißt es im offenen Brief. Es folgt die Frage nach der Sicherung von Details und nach einer Dokumentation.

Eine der beiden alten Knaggen, so erfuhr SVZ gestern auf Nachfrage von Andreas Heyder, der im Frühjahr mit der Sanierung des Marktes 29 begonnen hatte, sei gesichert. Die zweite sei zur Hälfte verbrannt gewesen. Auch den Balken hätte das Feuer zu sehr zugesetzt, so dass aus der Sicht des Bauherren eine Sicherung nicht sinnvoll gewesen wäre. Heyder verweist darauf, dass es eine Abrissgenehmigung ohne Auflagen gegeben habe. In Absprache mit der Stadt habe man schnell gehandelt, um die Verkehrssituation in der Stadt wieder zu entspannen.

Heyder informiert weiter, dass drei Bleiglasfenster und die Haustür vor dem Brand gesichert und zur Aufarbeitung in eine Werkstatt gegeben wurden. Außerdem seien noch eine Handvoll Innentüren vorhanden.

Zu den Beweggründen der Unteren Bauaufsichtsbehörde eine Abrissgenehmigung ohne Auflagen zu erteilen, gab es gestern beim Landkreis Güstrow keine Auskunft.

Die Äußerung des Güstrower Bürgermeisters, dass sich die Stadt einen Neubau an der Stelle wünsche, dessen Baugestalt Bezug zum abgebrannten Vorgängerbau nimmt, hat der Kunst- und Altertumsverein vernommen und wünscht sich eine Unterstützung des Bauherrn durch die Stadt.


Forderung: Markt 30 nicht aufgeben


Zum Haus Markt 30 schreibt der Altertumsverein, dass es eine „prächtige, historisch wertvolle klassizistische Fassade“ habe, die die Westseite des Güstrower Marktplatzes mit präge und deshalb unverzichtbar sei. „Auch sind das klassizistische Innere und seine Außenwände nur geschädigt und durchaus sanierungsfähig“, heißt es weiter. „Kollektive Wachsamkeit und Achtsamkeit“ möge einen Abriss verhindern. Und: „Wir appellieren daran miteinander zu sprechen und fachlichen Rat einzuholen, wir erinnern auch daran, Investoren und Versicherungen mit ihren Entscheidungen nicht allein zu lassen.“

Noch bestehe Hoffnung, dass das Schicksal der Marktdrogerie auch eine Chance für das Nachbarhaus bedeuten könne. Der Verein wünscht sich, dass die „Stadt, eine Investition in den Bau so vorbereiten möge, dass eine denkmalgerechte, verantwortungsvolle Sanierung in absehbarer Zeit möglich wird“.

„Wir kämpfen gerade um den Schlüssel, also die Verfügungsgewalt über das Haus Nr. 30“, betonte gestern auf SVZ-Nachfrage Güstrows Bürgermeister Arne Schuldt. Ihm persönlich liege daran möglichst viel vom Hauptgebäude zu erhalten. Zunächst müssten Gutachter in das Haus, das die Stadt inzwischen erworben hat, um die Standsicherheit zu prüfen. „Dann müssten wir das Dach schließen und Gefahrenpotenziale beseitigen, damit die Straßensperrung wieder aufgehoben werden kann“, sagt Schuldt und beantwortet damit auch gleich die Frage von SVZ-Leserin Brunhild Richter, die sich darüber wundert, dass die Sperrung der Domstraße noch immer besteht. Schuldt weiter: „Ich denke, wir sind als Stadt sehr aktiv, was die Rettung historischer Bausubstanz in der Altstadt anbelangt. Wir werden uns auch im Fall Markt 30 reinhängen.“

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