Baustellenfund : Grabstein aus dem Mittelalter?

„Ins Rollen“ gebracht hatte unser Leser Andreas Scheibe die Geschichte um den besonderen Findling. Der Klein Schwiesower ist Heimatchronist und entdeckte den vermeintlichen Stein auf der Baustelle am Bützow-Güstrow-Kanal bei Parum und informierte die in Zepelin wohnende Mitarbeiterin der Landesarchäologie Beate Heyn. Andreas Scheibes Foto fand den Weg in die SVZ-Lokalredaktion, was den Anstoß zur weiteren Recherche gab. Die Grabplatte wurde inzwischen von den Archäologen vermessen, und, wie hier dargestellt, „vom Kopf auf die Füße gestellt“. Ein Buchstabe ist etwa 5 Zentimeter groß, die Platte hat also etwa die Abmaße von etwa 60 Zentimetern mal einem Meter.
„Ins Rollen“ gebracht hatte unser Leser Andreas Scheibe die Geschichte um den besonderen Findling. Der Klein Schwiesower ist Heimatchronist und entdeckte den vermeintlichen Stein auf der Baustelle am Bützow-Güstrow-Kanal bei Parum und informierte die in Zepelin wohnende Mitarbeiterin der Landesarchäologie Beate Heyn. Andreas Scheibes Foto fand den Weg in die SVZ-Lokalredaktion, was den Anstoß zur weiteren Recherche gab. Die Grabplatte wurde inzwischen von den Archäologen vermessen, und, wie hier dargestellt, „vom Kopf auf die Füße gestellt“. Ein Buchstabe ist etwa 5 Zentimeter groß, die Platte hat also etwa die Abmaße von etwa 60 Zentimetern mal einem Meter.

Die jüdische Grabplatte: vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Inschrift ist schwierig zu deuten. Herkunft möglicherweise jüdischer Friedhof in Krakow.

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08. Juli 2015, 22:00 Uhr

Langsam lüften sich die Rätsel um den Grabstein, der bei Bauarbeiten bei Parum gefunden wurde. Im Schweriner Landesamt für Kultur und Denkmalpflege wurde der Stein inzwischen vermessen und die Inschrift nachgezeichnet, um Kennern der hebräischen Schrift das Entziffern zu erleichtern.

Genau dies erweist sich allerdings als nicht einfach, wäre aber hilfreich, um mehr über die frühere Geschichte des Steines zu erfahren. Die jüngere Geschichte, also wie der Stein in die neue Sohle des Fischaufstieges von der alten Nebel in den Bützow-Güstrow-Kanal kommt, ist schnell erzählt. Uwe Seppmann vom Beth-Emmaus Loiz. Seppmann war Anfang der 1990er-Jahre für kurze Zeit Pastor in Linstow und Krakow am See. Daher erinnert er sich an Aufräumungsarbeiten damals auf dem jüdischen Friedhof. Dabei könnte, so vermutet Seppmann, der Stein versehentlich abtransportiert und in der Kiesgrube Charlottenthal gelandet sein. Von dort jedenfalls soll nach Aussagen der Transportfirma das Material für die Baustelle bei Parum kommen.

Mehrere Experten arbeiten jetzt an der Übersetzung der Schrift, besser wäre wohl gesagt: an der bzw. einer Deutung. Denn das Hebräische hat, mal mit dem Deutschen verglichen, zwei Besonderheiten, die einen Teil der Schwierigkeiten ausmachten, weiß Uwe Seppmann. So arbeitet die Schrift der Juden sehr viel mit so genannten Akronymen, also der Bildung von Wörtern und ganzen Sätzen nur aus den Anfangsbuchstaben. Außerdem besteht die hebräische Sprache nur aus Konsonanten, es fehlen also die für uns gewohnten Vokale. Diese Umstände führten dazu, so Seppmann, dass häufig verschiedene Betrachtungen möglich sind, woraus natürlich unterschiedliche Ergebnissen folgerten. Deshalb habe er, der des Hebräischen mächtig sei, auch Freunde u.a. in Jerusalem zu Rate gezogen, die sich jetzt mit der Deutung befassen, lässt Seppmann wissen.

Parallel arbeitet Martin Rösel von der Theologischen Fakultät der Rostocker Universität an einer Übersetzung, berichtet Stephan Haß von der Landesarchäologie. Der Professor ist offensichtlich schon etwas weiter, hat einen vorläufigen Versuch der Lesung und Übersetzung vorgenommen (siehe „Die Inschrift“). Dabei, darauf wird verwiesen, handele es sich nur um eine mögliche Version. In eine etwas andere Version könnten die Nachforschungen der Seppmann-Gruppe münden, so viel zeichne sich schon ab.

Allerdings: Um am Ende vollständige Klarheit zu erlangen, wäre es aus Seppmanns Sicht notwendig, den Stein direkt in Augenschein zu nehmen. Zudem meint der ehemalige Pastor, dass es sich bei dem Fundstück auch nur um ein Fragment handele, die Grabplatte deutlich größer gewesen sein müsse. Und noch einen Aspekt werfen die Experten ein: Sollte beim Nachzeichnen der Inschrift aus Fehldeutung etwa eine Abplatzung in einen Buchstaben „aufgenommen“ worden sein, ergäbe sich schon wieder eine andere Deutung, wenn auch ungewollt.

Somit bleibt selbst die Datierung des Steins derzeit fragwürdig. Zu lesen sei die Zahl Fünftausend, sagt Stephan Haß, die als Jahreszahl gedeutet werde. Die Ziffer hinter der Fünf jedoch sei beschädigt, was zu weiteren Spekulationen verleitet. Denn das Jahr 5000 nach jüdischer Zeitrechnung entspräche dem Jahr 1240. Wäre die zweite Ziffer aber vielleicht eine Sechs, statt einer Null, käme man auf ein viel jüngeres Datum, erläutert der Archäologe.

Hier setzt wieder Uwe Seppmann an, der ein jüngeres als das mittelalterliche Datum vermutet. Bis 1839 habe es in Krakow eine jüdische Gemeinde gegeben. Durchaus möglich erscheine ihm, dass die Grabplatte an einen der letzten in Krakow bestatteten Juden erinnert. Diese Erinnerung hat inzwischen auf Bitte der jüdischen Gemeinde Rostock auf dem jüdischen Friedhof in Güstrow einen Platz bekommen.

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