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Güstrower Anzeiger

17. August 2017 | 03:43 Uhr

Gegen Verklärung der Vergangenheit

vom

Güstrow | Enno Henke (17 Jahre), Peter Moeller (19), Fritz Gutschmidt (19), Rolf Beuster (19), Horst Rieder (26), Günther Heyer (22), Horst Nehring (19) und Wolf-Heinrich Dieterich (19) - acht Schüler der John-Brinckman-Schule Güstrow. 1950 verurteilt in einem berüchtigten stalinistischen Schauprozess zu insgesamt 87 Jahren Zuchthaus. Diese jungen Männer haben ein Martyrium durchgemacht. Bei einer Gedenkveranstaltung in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des John-Brinckman-Gymnasiums erinnerten gestern der Verband Ehemaliger Rostocker Studenten und die Schule an den Schauprozess vom 27. September 1950. Motto: "…sie waren noch Schüler - Gegen das Vergessen." Auch zwei der damals Verurteilten kamen in ihre ehemalige Schule: Peter Moeller und Wolf-Heinrich Dieterich.

Damals wurde der Saal des heutigen Hotels "Stadt Güstrow" zum Gerichtssaal. Hier fand der Schauprozess zur Abschreckung der Bevölkerung statt. In Flugblättern hatten sich die Schüler der John-Brinckman-Oberschule gegen die Einheitswahllisten der nationalen Front gewehrt und "Einheit durch Freiheit in Ost und West" gefordert. Damit waren sie in den Augen des DDR-Regimes zu "Verbrechern am Weltfrieden, Spionen, Vaterlandsverrätern und Kriegshetzern" geworden. Das Urteil stand vorher fest. Die junge DDR, dem Stalinismus bis zur Verleugnung jeder von ihr sonst so gepriesenen Humanitätsidee ergeben, schlug mit voller Härte zu.

60 Jahre nach dem Schauprozess ist es vor allem den Schülern der Klasse 11b des John-Brinckman-Gymnasiums zu verdanken, dass diese Geschichte aufgearbeitet wurde. Sie drehten einen Dokumentarfilm, interviewten dafür Zeitzeugen wie Peter Moeller, der sich gestern von der Arbeit der Schüler beeindruckt zeigte. Bei der Gedenkveranstaltung stellten sie ihren Film erstmals einer breiten Öffentlichkeit vor. "Ein außerordentliches, wichtiges Projekt der Schüler", so Moeller gestern. "Die den Film gemacht haben, sind jetzt immun gegen die Verklärung der Vergangenheit, gegen die DDR-Nostalgie."

Auch Schulleiter Helmut Hickisch dankte den Schülern für ihre engagierte Arbeit. Die Schüler versetzen die Zuschauer gestern in das Jahr 1950 in Güstrow, eine schwierige Zeit unter der sowjetischen Besatzungsmacht. Dabei spielten sie auch eine vom damaligen Rektor nach dem Schauprozess einberufene Schülerversammlung nach. Die Schulleitung forderte, das Urteil gegen die Schüler gut zu heißen. Doch viele standen auf und übten offen Kritik an dem Prozess, nahmen ihre Mitschüler in Schutz. "Das war damals gefährlich. Diese Schüler waren sehr mutig", so Gudrun Sachse. Die Geschichtslehrerin hatte ein Jahr mit der Klasse 11b an dem Projekt gearbeitet.

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erstellt am 23.Sep.2010 | 07:18 Uhr

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