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SVZ-Serie zum Ersten Weltkrieg : Gefangene als billige Arbeitskräfte

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Erster Weltkrieg: SVZ-Serie „100 Jahre Kriegsgefangenenlager Güstrow-Bockhorst“ (3. und letzter Teil)

Zeitgleich mit dem Eintreffen der ersten Gefangenen im Oktober 1914 im Kriegsgefangenenlager Güstrow-Bockhorst kamen von mehreren Betrieben, landwirtschaftlichen Gütern und öffentlichen Einrichtungen Anfragen zum Arbeitseinsatz von Gefangenen. Dazu hatte die oberste Militärbehörde allgemeingültige Grundsätze und Richtlinien bezüglich Arbeiten, Stärke der Arbeitstrupps (mindestens 30 Gefangene), Art der Arbeiten, Verpflegung, Unterbringung, Bewachung und Bezahlung herausgegeben. Viele Gefangene wurden im Lager selbst beschäftigt, so in der Küche, beim Baracken- und Zeltaufbau, bei der Lager- und Latrinenreinigung, im Lazarett, in der Poststelle, der Schneiderei, Schuhmacherei, Tischlerei und anderen Gewerken.

Darüber berichtete der schottische Sergeant Arthur Reynolds an seine Lieben zu Hause, damals in Southampton. In der Regel sind es kurz gefasste Sätze auf Postkarten. Er selbst arbeitete nur im Lager, doch viele Gefangene wurden auf Anforderung als Arbeitskräfte nach außerhalb vermittelt. So ist erklärbar, dass das Güstrower Lager teilweise bis zu 25 000 Gefangene registriert hatte, wobei jedoch sehr viele auswärts als billige Arbeiter beschäftigt und auch dort bewacht wurden. Die Gefangenenvermittlung ging sogar bis nach Schleswig-Holstein oder bis Ostpreußen.

In einer Richtlinie für das Lager Güstrow dazu heißt es: „Arbeitsanträge sind an die Lagerkommandantur zu richten. Für die Verpflegung muss der Unternehmer täglich 70 Pf einschließlich für Brot für den einzelnen Gefangenen aufwenden. Der Genuss von Alkohol ist strengstens untersagt. Die Unterbringung ist vom Unternehmer auf eigene Kosten selbst herzurichten. Eine Löhnung erfolgt für die Gefangenen nicht, jedoch bei einer Arbeitszeit von über fünf Stunden ist eine Arbeitszulage von 10 Pf je Gefangenen an die Lagerkommandantur in Güstrow zu zahlen. Die Arbeit hat nicht vor Tagwerdung zu beginnen und ist nicht über Eintritt der Dämmerung auszudehnen. Zur Bewachung der Gefangenen kann von der Kommandantur in Güstrow keine Mannschaft mehr abgegeben werden, Gefangene können daher nur zur Verfügung gestellt werden, wenn die Bewachung durch andere Truppenteile oder durch Bürgerwache erfolgt.“

Berichtet wird auch ausführlicher über die Beerdigung verstorbener Gefangener. Seitens der Behörden war es damals nicht gestattet, ausländische Gefangene auf dem deutschen Friedhof zu bestatten. Aus diesem Grunde wurde nördlich des Lagers ein Lagerfriedhof errichtet. Gefangene jüdischen Glaubens wurden auf dem jüdischen Friedhof an der Neukruger Straße beerdigt.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Lager Güstrow aufgelöst. Arthur Reynolds berichtet über seine Entlassung im April/Mai 1918: „Ich wünschte sie würden das Licht ausschalten und das Geschäftliche beginnen zu regeln.“ Es gab wohl ein Abkommen zwischen Deutschland und den neutralen Ländern (in diesem Fall Holland), die britischen Gefangenen dorthin zu entlassen. Hauptziel dabei war eine Rehabilitation die angeschlagene Gesundheit betreffend, denn Reynolds war mehrere Monate im holländischen Scheveningen. Nach seiner Rückführung war auch die Wiedereingliederung nicht unproblematisch durch die erlittene Traumatisierung.





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