Andacht zum 9. November : Gedenken an jüdische Kriegsopfer

Andacht auf Jüdischem Friedhof Güstrow zur Pogromnacht am 9. November 1938 / Erinnerung an Güstrower Juden im Ersten Weltkrieg

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09. November 2014, 22:00 Uhr

In einer ökumenischen Andacht, zu der die Pfarrgemeinde auf den Jüdischen Friedhof in Güstrow eingeladen hatte, wurde an den 76. Jahrestag der Reichspogromnacht erinnert. Die Organisatoren spannten den Bogen noch ein Stück weiter und bezogen ein zweites Datum in die Gedenkstunde ein: Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. In seinem Vortrag schilderte Gerhard Voß die Situation der Juden in Deutschland und speziell in Güstrow zu dieser Zeit.

Laut Unterlagen lebten 1910 120 und 13 Jahre später 115 jüdische Mitbürger in Güstrow. „Auch unter den Juden in Deutschland war die Begeisterung und der Patriotismus zu Beginn des Krieges groß. Sahen sie doch darin die Möglichkeit, ihre Treue zum Vaterland zu bekunden“, sagt Folker Hachtmann, der sich intensiv mit der Geschichte jüdischen Lebens in Güstrow beschäftigt. Eine volle Anerkennung blieb den jüdischen Soldaten im Deutschen Reich aber verwehrt. So ordnete die Regierung 1916 eine Erhebung an, bei der die im Heer kämpfenden Juden gezählt wurden. Eigentlicher Sinn der „Judenzählung“ war, den Nachweis zu erbringen, dass sich Juden vor dem Waffendienst drücken wollten. Da dies durch Zahlen aber nicht belegt werden konnte, wurde die Statistik nie veröffentlicht. 12 000 jüdische Soldaten fielen im Ersten Weltkrieg für Deutschland.

An zwei Güstrower Juden, die dieses Schicksal ereilte, erinnerte Folker Hachtmann: Jeremias John Marcus fiel im ersten Kriegsjahr in Frankreich und wurde in fremder Erde bestattet. Otto Ludwig Friedländer erlag am 9. Mai 1917 seinen schweren Verwundungen und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Güstrow beerdigt. Darüber hinaus nannte Hachtmann die Namen von elf russischen Soldaten jüdischen Glaubens, die im Kriegsgefangenenlager Bockhorst starben und auf dem Jüdischen Friedhof bestattet wurden. Auf ihre Spur führte den Pastor i.R. ein Foto, das Soldaten vor der Leichenpredigthalle zeigte. Mit Ulrich Schirow ermittelte Hachtmann, dass es russische Uniformen waren. Dazu passte eine Entdeckung, die Hachtmann im Sterberegister der jüdischen Gemeinde machte. „In dem Register sind alle Beerdigungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur letzten Bestattung am 2. Dezember 1937 exakt aufgeführt“, sagte Hachtmann. Darunter auch jene elf russischen Juden aus dem Kriegsgefangenenlager. Ihnen zum Gedenken wurden gestern Kerzen angezündet und am Rande des Friedhofs aufgestellt.

Im dritten Teil der Andacht ging Diakon Siegfried Prey auf den Holocaust und die für Güstrower Juden bekannten Folgen ein. Am 9. November 1938 wurde der jüdische Friedhof verwüstet, die Feierhalle zerstört und die Synagoge im Krönchenhagen angezündet. Hatten 1933 noch 118 jüdische Mitbürger in Güstrow gelebt, war ihre Zahl 1941 auf 16 gesunken. 1945 gab es kein jüdisches Leben mehr in der Stadt.

Auf vielfältige Weise wird die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger wach gehalten. Putzten Schüler der Freien Schule Güstrow vor kurzem noch die 17 Stolpersteine in der Stadt, übernahmen gestern wieder Schüler dieser Schule die Musik bei der Andacht.

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