Transgender : Geboren im falschen Körper

„Wir sind irgendwas dazwischen.“ Alexa M. (l.) will zukünftig als Frau leben. Patrick Falow hat den Schritt, als Mann zu leben, bereits gewagt. Alice Hämmerling (r.) koordiniert bei der Diakonie Güstrow die Selbsthilfegruppen in der Region.
„Wir sind irgendwas dazwischen.“ Alexa M. (l.) will zukünftig als Frau leben. Patrick Falow hat den Schritt, als Mann zu leben, bereits gewagt. Alice Hämmerling (r.) koordiniert bei der Diakonie Güstrow die Selbsthilfegruppen in der Region.

Transmenschen oder Transgender haben mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Eine Selbsthilfegruppe in Güstrow bietet Hilfe an

svz.de von
14. Januar 2016, 06:00 Uhr

Patrick Falow ist glücklich. Glücklich, endlich als Mann leben zu können. Geboren wurde der 51-Jährige als Petra und lebte auch bis zu seinem 40. Lebensjahr als Frau. Familie, Kinder, Arbeit, Haus. „Das volle Programm. Ich war voll Frau“, erzählt er. Doch schon immer wusste er, dass da etwas nicht mit ihm stimmte. „Ich habe mich unwohl gefühlt, konnte es aber nicht benennen. Jahrelang habe ich in einem Käfig gelebt“, sagt er heute. Rund drei Millionen so genannte Transmenschen wie Patrick Falow leben in Deutschland – die Dunkelziffer ist bei weitem höher. Sie werden auch als Transgender bezeichnet, Menschen, die mit einer Störung ihrer Identität zu tun haben und nicht wissen, wer oder was sie sind, zu welchem Geschlecht sie gehören. In Güstrow gründete sich im Februar 2015 eine Selbsthilfegruppe „Transgender“ unter dem Dach der Diakonie. Patrick Falow und fünf weitere Mitglieder helfen sich hier gegenseitig und werben gleichzeitig für mehr Akzeptanz und Respekt in der Mehrheitsgesellschaft.

Transgender ist ein Begriff für Abweichungen von der zugewiesenen Geschlechterrolle beziehungsweise den zugewiesenen Geschlechtsmerkmalen. Oft wird Transgender auch mit Transsexualität gleichgesetzt. Wer für sich erkannt hat, dass er entgegen dem eigenen biologischen Geschlecht empfindet, steht vor Problemen. Hier kommt die Selbsthilfegruppe „Transidentität“ ins Spiel, die sich am 21. Januar um 16  Uhr in der „Villa Kunterbündnis“ am Güstrower Pferdemarkt 56 zum nächsten Erfahrungsaustausch trifft. Mit den Gruppentreffen finden Transgender und Angehörige eine Anlaufstelle, bei denen sie Beratung und Begleitung erhalten. Bei Fragen gibt es Auskunft bei der KISS der Diakonie Güstrow, Telefon 0 38 43/ 69 31 51, E-Mail kiss@diakonie-guestrow.de.

Familie und Freunde wandten sich ab

Massive seelische Probleme und Gewissenskonflikte – das müssen Transmenschen durchmachen. „Es war ein Höllenritt bis zu meinem Outing“, sagt Patrick Falow. Und auch danach wurde es nicht besser. Familie, Freunde und auch seine Kinder wandten sich von ihm ab, konnten nicht akzeptieren, dass die Frau, die sie Jahrzehnte kannten, plötzlich als Mann leben wollte. Da mittendrin steckt Alexa M., ebenfalls Mitglied der Güstrower Selbsthilfegruppe. Geboren als Mann fängt sie mit 45 Jahren gerade erst an, als Frau zu leben. Im Alltag und bei der Arbeit kleidet sich Alexa M. noch als Mann, hat den Schritt zum Outing noch nicht vollzogen. „Es hat sich immer irgendwie falsch angefühlt in meinem Körper. Man ist immer zwischen zwei Stühlen, weiß nicht, wo man hingehört, will aber auch nicht als Außenseiter dastehen“, erzählt sie. Alexa M. hat Angst, was die Leute in ihrem Dorf sagen werden, wenn sie im Kleid auf die Straße geht. Was werden Freunde und vor allem die Familie von ihr denken? „Was tue ich ihnen damit an“, plagen Alexa M. zudem Gewissenskonflikte. Doch sie hat sich entschieden. Vor allem auch der Halt in der Gruppe hat ihr Kraft gegeben.

Der Schritt, seinem eigenen biologischen Geschlecht Lebewohl zu sagen, ist bei vielen Transmenschen auch mit einer Geschlechtsanpassung verbunden. Vor dem weitergehenden Schritt einer Geschlechtsumwandlung schrecken einige zurück. „Der Körper wird an die Seele angepasst“, nennt das Patrick Falow. Es beginnt mit einer Hormonbehandlung, bei ihm vor allem das Männlichkeitshormon Testosteron. „Als ich damit angefangen habe, habe ich als Endvierziger noch einmal die Pubertät durchgemacht“, erzählt er. „Schön war das nicht.“ Es folgen operative Eingriffe bei denen die Merkmale des momentanen Geschlechts entfernt werden.

Nicht klar als Mann oder Frau definiert

Dass das alles nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, ist auch Patrick Falow und Alexa M. bewusst. „Und alles, was nicht der Norm entspricht, macht Angst. Aber wir wollen leben wie alle anderen auch“, unterstreicht Patrick Falow, der wie ein Mann aussieht und spricht. „Letztendlich sind wir nicht klar als Mann oder Frau definiert. Ich lebe weiter beide Anteile. Ich kann mein vorheriges Leben als Frau nicht auslöschen“, sagt er. Und Alexa M. ergänzt: „Wir sind irgendwas dazwischen.“

Beide setzen auf die Selbsthilfe in der Transgender-Gruppe in Güstrow. „Wir brauchen noch Zuwachs, vor allem Jüngere“, sagt Patrick Falow. Gerade im ländlichen Bereich sei es schwer, Gleichgesinnte zu finden. Hier sei es auch ungleich schwerer, sich als Transgender zu outen. „Aber gemeinsam in der Gruppe können wir uns unterstützen. Wir möchten normal leben und nicht schräg angeguckt werden“, sagt er.

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