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SVZ-Serie : Friedliche Bauern und/oder Seeräuber!?

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

SVZ-Serie „Min lütt Dörp“: Jahmen-Ausbau gehört mit seinen sechs Höfen und 20 Einwohnern zur Stadt Laage

von
erstellt am 18.Feb.2015 | 05:00 Uhr

Warum sie Seeräuber sind, wissen sie nicht. Es mag damit zusammenhängen, dass der Neu Heinder See ganz in der Nähe ist. Den einen oder anderen Spitzbuben mag es auch vor vielen Jahrzehnten gegeben haben, erzählt Walter Frentrup. Offiziell heißt es Jahmen-Ausbau, im Volksmund aber nur Jahmen-Seeräuber. Sechs große Bauernhäuser ducken sich in die hügelige Landschaft. Die Rufe der Kraniche, die aus dem Winterquartier heimgekehrt sind, legen den Gedanken an Frühling nahe. 1936 siedelten hier Bauern. Auch heute ist jedes Haus bewohnt, mitunter von drei bis vier Generationen.

Walter Frentrup (88) hat Kinder, Enkel und Urenkel um sich. Seine Eltern waren es, die 1936 aus Westfalen nach Mecklenburg kamen. Er weiß noch genau, dass es der 3. August 1936 war. Nach der Weltwirtschaftskrise war so manches Gut pleite. In großem Stil wurde aufgesiedelt. Elektrisches Licht brannte in den Häusern erstmals zu Weihnachten 1949 und seit 1990, ebenfalls zum Fest der Familie, hatte Jahmen-Ausbau eine Straßenbeleuchtung bekommen, erinnert sich Walter Frentrup, der sich auf dem Hof unter anderem um die Hühner kümmert und gern das Obst von den alten, knorrigen Bäumen pflückt.


„Hausmeister-Ehepaar“ hat immer zu tun


„Wir sind hier das Hausmeister-Ehepaar“, sagt Ernst Stebner (64) und fügt hinzu: „Faul darf man hier nicht sein, außer, man ist vielleicht Künstler.“ Mit Frau Margit (60) hatte er viele Jahre in Neubrandenburg gelebt. „Als meine Mutter Pflege brauchte, sind wir zurückgekommen“, erzählt Margit Stebner. Auf dem großen Hof sei immer etwas zu tun. Es gibt Hund und Katzen, Hühner und Kaninchen. Kartoffeln, Grünkohl und ein paar Rüben werden für Mensch und Tier angebaut. Eine Ader fürs Landleben brauche man schon, gesteht Torsten Stebner (39). „Wenn ich Stress haben will, fahre ich in die Stadt“, sagt er. Bei vier Generationen unter einem durchaus sehr großen Dach kann es auch Reibungspunkte geben. „Da muss sich jeder auch mal ein bisschen zurücknehmen“, sagt Margit Stebner. Was sie mitunter stört, ist der Fluglärm. Manchmal verstehe man sein eigenes Wort nicht. Aber damit muss man leben. Das meinen auch die Lehnes.


Von Braunschweig nach Mecklenburg


Aus Braunschweig waren die Eltern von Werner Lehne (79) nach Jahmen gekommen. Sein Sohn Frank (47) ist heute der einzige im Dorf, der noch in der Landwirtschaft tätig ist. Das allerdings „nur“ im Nebenerwerb. Beschäftigt ist er auf dem Flugplatz. Nach der Arbeit kümmert er sich um rund 60 Hektar Land, die vorrangig mit Getreide und Raps bestellt werden, und um 20 Mutterkühen. Zwei Ponys gehören außerdem auf den Hof. „Es macht mir Spaß“, sagt Frank Lehne. „Hier haben auch allen Arbeit“, fügt er hinzu. Sie würden nach Laage, Güstrow oder Teterow fahren – kein Problem.

Seine Tochter Pia ist mit vier Jahren die jüngste „Seeräuberin“. Sohn Thies (13) findet es schon „ein bisschen ruhig“. Seine Cousine Annemarie Lehne-Niemann (14) findet das Leben in Jahmen-Ausbau „eigentlich ganz schön“. „Aber man kommt nur schlecht weg“, schränkt die 14-Jährige ein. Morgens werden die Schulkinder nach Jahmen ins Dorf gebracht. Nur am Nachmittag fährt der Schulbus bis vor die Haustür.

„Wir kommen hier noch viel zusammen“, berichtet Werner Lehne. Bei runden Geburtstagen seien es bestimmt 20/25 Gäste, fügt seine Frau Adelheid (71) hinzu. Dennoch sei es im Dorf ruhig geworden. „Am Tag ist hier kein Mensch zu sehen“, erzählt er. Da fühle er sich schon mal ein bisschen unwohl. Jeden Tag macht Werner Lehne seinen Spaziergang, geht oft fast bis nach Jahmen. Eine Bank auf dem Berg würde ihm zum Ausruhen sehr gut gefallen. Und die Dorfstraße in Jahmen, die müsse dringend ausgebaut werden. Das Kopfsteinpflaster habe sich stellenweise bedrohlich abgesenkt.


Vom Aussterben sehr weit entfernt


Beim Spaziergang sei er schon manches Mal von Fremden angesprochen worden, ob nicht ein Haus zu verkaufen wäre. Es wäre doch eine zauberhafte kleine Ansiedlung mit wunderschönen Häusern. Er vernehme es nicht ohne Stolz, müsse aber stets verneinen. Vier Häuser sind ständig bewohnt, zwei werden als Ferienhäuser genutzt. Vom Aussterben ist Jahmen-Ausbau mit seinen derzeit 20 Einwohnern weit entfernt.  

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