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Ins Atelier geschaut : Filigrane Kunst aus schwerem Sandstein

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Rolf Kuhrt, Zeichner, Maler, Graphiker und Bildhauer aus Kirch Rosin

svz.de von
erstellt am 21.Sep.2014 | 23:30 Uhr

Das ehemalige Pfarrhaus vis-à-vis der Kirche in Kirch Rosin, seit 2001 Heim von Angelika und Rolf Kuhrt, ist leicht zu finden. Schwerer auszumachen ist der Bildhauer Rolf Kuhrt, bestenfalls zu hören. Hinter einem selbst gebauten Sichtschutz bearbeitet er 150 000 Jahre alten sächsischen Sandstein mit Hammer und Meißel. Mit traumwandlerischer Sicherheit setzt er das Werkzeug in genau dem Winkel an, der das voraus berechnete Abspalten des Steins ermöglicht. „Die Trauernde“ soll das Werk heißen.

Kuhrt arbeitet wie ein Getriebener. „Ich spüre den Druck des Alters“ sagt er, um die physischen Grenzen wissend, die allein der nahezu ein Kilogramm schwere Hammer dem fast 78-Jährigen setzt. Und noch lagert ein weiterer Stein bei einem Güstrower Steinmetz, der auf Bearbeitung wartet. „Die Vorarbeiten wie Entwürfe, Skizzen, Zeichnungen sind abgeschlossen“, versichert er. Trotz Zeitdruck bleibt Kuhrt seinem lebenslangen Schaffensprinzip einer gründlichen Vorbereitung treu. „Am liebsten mit Kohle auf schneeweißem Papier“, sagt er. Der nicht zu überbietende Kontrast der Materialien erfordere Klarheit der Gedanken.

Seit Kuhrt nach seiner Emeritierung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst von Sachsen nach Kirch Rosin umsiedelte, hat er sich verstärkt der Bildhauerei zugewandt. 2003/04, also schon in Mecklenburg, entstand seine Plastik „Sumo“, die vor einer Gesundheitseinrichtung in Leipzig steht. Einige Jahre später schuf er den „Engel“ für den Kirch Rosiner Friedhof. Das Kunstwerk entstand als ein Ergebnis langer, intensiver und freundschaftlicher Gespräche zwischen dem Atheisten Kuhrt und dem 2013 verstorbenen Pastor Fritz Neubauer. Mit einem Engel habe er als Nichtchrist keine Schwierigkeiten, beteuert der Künstler. Bei Brecht sei er ein Bote, auch in Heines „Deutschland ein Wintermärchen“ komme ein Engel vor. Dem Kirch Rosiner Engel verlieh Kuhrt Erdhaftung und gab ihm zwei Bücher in die Hand. Das eine sei sicher die Bibel, das andere das kommunistische Manifest, hatte der Pastor getippt. „Bibel war richtig, das andere Buch ist der Koran“, lautete Kuhrts schelmische Erwiderung. Was im konkreten Fall eher plakativ anmutet, durchzieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte grafische, zeichnerische, malerische und plastische Werk des Künstlers: Der Hegelschen Dialektik folgend, bietet Kuhrt dem Betrachter mindestens eine zweite Interpretationsmöglichkeit seiner Werke an. Hilfestellung leistet er mit den Titelangaben. Eines der bevorzugten Motive seines Schaffens ist die Figur der Kassandra, der mit Sehergaben ausgestatteten und dem Fluch der Unglaubwürdigkeit belegten Priamos-Tochter.

Rolf Kuhrt, 1936 nahe der für das Waschmittelwerk bekannten anhaltinischen Stadt Genthin geboren, gilt als Vertreter der zweiten Generation der Leipziger Schule. Hatte er doch das große Glück, wie er sagt, zwei Väter dieser Kunstrichtung als Lehrer gehabt zu haben: Wolfgang Mattheuer, bei dem er das aus Zeichnen, Malen, Graphik und Typografie bestehende Grundstudium absolvierte. Und Bernhard Heisig, der ihn zum Graphiker und Maler formte. Das umfangreiche Gesamtwerk von Kuhrt findet sich in einem von Günther Rothe 2010 herausgegebenen zweibändigen Katalog wieder.

Besucher der 2011 im ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Güstrower Schlosses gezeigten Ausstellung „Sachlichkeit und Opulenz. Leipziger Malerei zwischen 1960 und 1987“ konnten mit „Blick aus dem Leipziger Atelier“, „Colditzer Forst“ und „Mann im Nebel“ drei Arbeiten Kuhrts betrachten. Auch in der am 24. Oktober zu eröffnenden Schau „Land in Sicht“, die die jüngsten Kunstankäufe des Landes Mecklenburg-Vorpommern zeigt, werden sechs Werke des Kirch Rosiner Künstlers vertreten sein.




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