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70. Jahrestag Ende 2. Weltkrieg : Es war ein Kampf ums tägliche Überleben

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Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Otto Pürschel: „Es soll nichts vergessen werden“ / Kinder bettelten um Essen und Mütter wuchsen über sich hinaus / Durch Leichenkommandos ins Massengrab

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erstellt am 08.Mai.2015 | 11:45 Uhr

Wenn am heutigen 8. Mai allerorten der Beendigung des Zweiten Weltkrieges gedacht wird, gehen auch die Gedanken von Otto Pürschel weit zurück. Denn noch immer lässt den heute 83-Jährigen, dessen Familie einst aus der Neumark östlich von Frankfurt/Oder vertrieben wurde und der seit nunmehr 60 Jahren in Güstrow lebt, das damals Erlebte nicht los.

Deshalb begann der heutige Rentner und frühere Lohnbuchhalter in der LPG „Florian Geyer“ Güstrow damit, seine Erinnerungen an die Nachkriegszeit aufzuschreiben. „Ich denke viel daran. Und wollte das los werden. Es ist nichts vergessen und soll auch nicht vergessen werden. Deshalb schreibe ich es auf“, so der 83-Jährige.

Hier nun einige Auszüge daraus: Am 24. Juli 1945 mussten wir Scharmeisel in der Neumark verlassen. Immer zu Fuß zogen wir von einem Flüchtlingslager zum anderen. Wir waren vier Kinder und noch Günther dazu, dessen Eltern verstorben waren. Meine Mutter meinte, wir können ihn doch nicht alleine lassen. Und so blieb er bei uns, bis wir im Dezember 1945 in Weitendorf landeten.

Die größte Sorge unserer Mutter unterwegs war, jeden Tag für die Kinder etwas zu essen zu haben. Wir Kinder gingen oft zu den Russen, um etwas Essbares zu ergattern. Und Russen waren überall. Da gab es dann eine Kanne voll Kascha (Grützebrei) und auch so manchen Kanten Brot. Das Brot schmeckte zwar nach Petroleum, aber es war Brot. Und wenn wir unterwegs von einem Dorf zum nächsten zogen, fanden wir auf den abgeernteten Feldern so manches Kohlblatt, das unseren Hunger stillte.

Unsere erste Unterkunft in Mecklenburg war ein großer Kuhstall, in dem in zwei Etagen Pritschen aus Koppelstangen eingebaut waren. Später haben wir erfahren, dass vor uns im Lager Kronskamp Menschen untergebracht waren, die während des Krieges in Deutschland als Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene arbeiten mussten. Sie wurden dort gesammelt und in Transporten in ihre Heimat zurück gebracht. Am nächsten Tag wurden wir auch dort registriert. Zu essen gab es aber wenig. In Erinnerung habe ich noch, dass es an einem Tag je Person eine Pellkartoffel und eine Tasse Molke gab. Aber es war Herbst und die Kartoffeläcker waren abgeerntet. Die Flüchtlinge aber zogen über die Felder und fanden ab und zu doch noch Kartoffeln. Zwischen zwei Steinen machten wir uns Feuer und konnten so die Kartoffeln kochen.

Eines Tages zog ich mit meiner Schwester Friedel los in das nächste Dorf nach Groß Lantow. In einem der ersten Häuser klopften wir an und baten um etwas zu Essen. Die Leute ließen uns in die Küche. Einfacher Steinfußboden, in der Mitte ein Tisch mit zwei Bänken. Wir durften uns setzen und die Frau machte zwei Stullen für uns, es war Leberwurst aus einem Weckglas. Nachdem ich einige Bissen geschluckt hatte, wurde ich ohnmächtig. Es hat wohl nicht lange gedauert und ich war wieder da. Aber noch heute weiß ich, wie gut die Stulle geschmeckt hat. Danach bin ich nie mehr betteln gegangen.

Ab und zu kamen neue Transporte in Kronskamp an. Eines Abends kam eine alte Frau mit einer Mistkarre, auf der sie ihr Hab und Gut hatte. Sie hatte eine Mütze aus Maulwurfsfell. Diese gab sie Friedel mit den Worten, sie möge die Mütze gut behüten, sie wäre sehr wertvoll. Am nächsten Morgen war die Frau tot und lag auf ihrer Karre. Das Leichenkommando kam später und brachte sie in das Massengrab hinter dem Schlosspark.

Etwa zwei Jahre später, Tante Hedwig war schon in Weitendorf, es war Winter und kalt. Tante Hedwig sagte zu Friedel, sie werde die alte Mütze auftrennen und daraus neue Mützen nähen. Beim Auftrennen kam eine ganze Handvoll Papiergeld heraus. Aber inzwischen war die Reichsmark ungültig geworden und es war wertloses Papier.

Durch die Lagerverwaltung wurden wir für Weitendorf eingeteilt. Um das Hinkommen mussten wir uns selbst kümmern. Einige Leute, es waren nur Frauen und Kinder, standen schon bei den letzten Häusern und verhandelten mit Einheimischen, die Pferd und Wagen hatten. Aber die Bauern wollten Geld für die Fuhre. So gab ich etwas von dem Geld, das ich in Landsberg eingesammelt hatte, dazu und wir durften den Wagen besteigen. In Weitendorf wurden wir schon erwartet. Wir waren ziemlich durchgefroren, und so waren wir dankbar für den schönen, heißen Kohlrübeneintopf, den man in einem großen Kessel für uns zubereitet hatte. Neben der Kirche stand die Schule mit ihren zwei Klassenräumen, in die man uns eingewiesen hatte. Für die nächsten Tage war das unser Zuhause.

Es war Dezember und die Einheimischen – so nannten wir die Weitendorfer – wollten ihre Weihnachtsfeier machen. Die Flüchtlinge wurden aus der Schule ausquartiert. Man hatte uns den alten Schafstall an der Straße nach Schwaan zugewiesen. Dort blieben wir, bis man uns eine Ecke in einem Raum in der Schnitterkaserne zuteilte. Dieser Raum war einmal eine Küche, denn eine Ecke war ausgefüllt mit einem gemauerten Herd mit großem Waschkessel und einem Backofen. Wir durften die Ecke unter den Fenstern beziehen. Mit zwei Brettern grenzten wir uns eine Schlafecke ab, die wir mit Stroh füllten. So hatten wir ein schönes Lager.

Unsere Mutter musste auf dem Gut arbeiten. In Hemmerlings Speicher hat sie für die Russen Korn eingesackt. Der Speicher hatte ein Strohdach, in dem Löcher waren. Unsere Mutter hat etwa 30 Pfund Weizen in einen Sack getan und durch ein Loch im Dach des Speichers nach draußen befördert, worauf ich schon unterhalb des Daches wartete. Am nächsten Tag gingen wir mit dem Getreide zu Bäcker Godemann nach Kritzkow und tauschten dafür Brot ein.

Doch eines Tages war alles Getreide eingesackt und von den Russen weggebracht. Für uns blieb nichts mehr. So kam es, dass unser Brot bis zum 1. Weihnachtstag reichte. Am 2. Weihnachtsfeiertag 1945 hatten wir kein Brot mehr. Aber Kartoffelmieten gab es noch und auch Kohlrüben. Aber es war Weihnachten!

Wenn ich heute über jene Zeit nachdenke, fällt mir auf, dass ich meine Mutter nie weinen sah. Ich glaube sie hatte keine Tränen mehr.

Doch so langsam wurde uns bewusst, dass wir angekommen waren.

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