Wiedersehenstreffen : Erinnerung an Kindheit in Lübsee

„Weißt du noch…?“, begannen Helga Faust, Horst Mauck und Lothar Lehmann (v.l.) fast jeden Satz.
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„Weißt du noch…?“, begannen Helga Faust, Horst Mauck und Lothar Lehmann (v.l.) fast jeden Satz.

Horst Mauck organisierte Wiedersehenstreffen und schrieb ein Buch.

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27. Juni 2016, 20:45 Uhr

Die Runde war merklich kleiner geworden. Vor sechs Jahren hatte Horst Mauck ein Wiedersehenstreffen von Flüchtlingen, die ihre Kindheit nach dem Krieg in Lübsee verbracht hatten, organisiert. Damals waren um die 50 Menschen seiner Einladung in den Lalendorfer Ortsteil gefolgt. Am Wochenende versammelten sich zirka 20 Leute um den Tisch neben dem von Anders Christensen sanierten ehemaligen Gutshaus und erinnerten sich an ihre Kindheit.

Das von den Besitzern verlassene Haus war 1944 auch die erste Adresse der Familie Mauck, als sie in Bremen ausgebombt wurde und bei den Großeltern in Lübsee eine neue Heimat fand. „Ich war damals ein Jahr alt, meine Schwester Helga sechs“, berichtet Horst Mauck. Helga Faust ist es dann eher, die sich an viele Begebenheiten der ersten Jahre in dem Dorf erinnern kann. „Wir hatten trotz Entbehrungen eine schöne Kindheit. Es war nie langweilig, eher immer abenteuerlich. Und hungern mussten wir auch nicht“, beteuert die 78-Jährige. „Eines der häufigsten Gerichte damals war Suppe mit geschrotetem Weizen und mit Sirup gesüßt“, erinnert Horst Maucks Schwester. Im Gutshaus war die sowjetische Kommandantur untergebracht. Der Ort wurde von der Roten Armee nicht zerstört, weil Grete Schult mit der weißen Fahne bis auf den Kirchturm geklettert war. „Greten war meine Großmutter, bei ihr bin ich praktisch groß geworden“, erinnert sich Jürgen Wietasch, der heute bei Hohenstein-Ernstthal lebt.

Die Zeit brachte es mit sich, dass Helga Faust zweimal eingeschult wurde: einmal noch im Krieg zu Ostern 1945 und das zweite Mal im September des gleichen Jahres. „Gelernt haben wir in der kleinen Dorfschule. Vormittags wurden die größeren Kinder unterrichtet, am Nachmittag die kleineren“, erinnert sie sich. Ab der fünften Klasse ging’s nach Lalendorf. „Als ich mein Fahrrad kaputt gefahren hatte, musste ich laufen. Jeden Tag bei Wind und Wetter gut drei Kilometer hin und wieder zurück“, sagt sie.

An viele Begebenheiten erinnert sich Helga Faust auch deshalb, weil ihr Bruder die Zeit intensiv aufgearbeitet und in einem im Eigenverlag herausgebrachten Buch aufgeschrieben hat. „So kann Erinnerung nicht verloren gehen, auch wenn diejenigen, die sich erinnern können, immer weniger werden“, sagt der 73-Jährige. Und fürchtet, dass das Wiedersehenstreffen am Sonnabend vielleicht das letzte gewesen sein könnte.



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