zur Navigation springen

Ins Atelier geschaut : Ereignisse dem Dunkel entreißen

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

SVZ-Serie „Ins Atelier geschaut“: Der Künstler Jörg Herold arbeitet in Rothspalk an der Erinnerungstafel zur friedlichen Revolution in Güstrow

Der Kunst- und Altertumsverein Güstrow lag genau richtig, als er sich für den Entwurf von Jörg Herold für die geplante Erinnerungstafel am Güstrower Amtsgericht entschied. Am 27. Oktober, wenn sich der Tag der friedlichen Demonstration 1989 mit zirka 20 000 Menschen in der Barlachstadt zum 25. Mal jährt, soll seine aus Spendengelder finanzierte Tafel eingeweiht werden. Herold ist als Künstler von allem etwas: Maler, Zeichner, Bildhauer, Installationskünstler. Das alles fasst er unter der selbstgewählten Tätigkeitsbezeichnung „Dokumentararchäologe“ zusammen.


Die Lust zum Entdecken wecken


Er ist einer, der in Geschichte gräbt und sich immer wieder die Frage stellt, wie wir mit Fakten, Erlebnissen und Erinnerungen umgehen sollen. Steinerne Monumente sind seine Sache nicht. Herold ist ein „leiser Künstler“, der sparsame Informationen sät und beim Betrachter Interesse und Lust zum Entdecken wecken will. Deshalb wird die Tafel am Amtsgericht keine langwierigen Erklärungen enthalten. Auf einer Glastafel hat der Künstler zwei kreisrunde Öffnungen angebracht. Die obere fokussiert den Blick auf die Spuren von Kerzen, die an jenem Tag vor 25 Jahren auf dem Sims abgestellt waren. In der unteren Öffnung findet sich ein auf Edelstahl übertragenes Schwarz-Weiß-Foto von Eckhard Sturz. „Das ist die Vorgabe. Mehr muss der Betrachter herausfinden“, sagt Herold.

Sein vielleicht bekanntestes Werk ist die Installation „Lichtspur über Datumsgrenze“ im Außenhof des zum Deutschen Bundestag gehörenden Paul-Löbe-Hauses. Auf in den Boden eingelassenen Betonscheiben hat Herold Geschichtsdaten aufgetragen. Darunter bekannte, wie die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg oder den Untergang des Fluchtschiffes „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 mit über 10 000 Menschen an Bord. Oder weniger bekannte Daten wie der 18. Juni 1896, als Kaiser Wilhelm II. 40 000 Paar Halberstädter Würstchen erstmals in Dosen zur Einweihung des Kyffhäuserdenkmals orderte. In der Installation fällt täglich ein Sonnenstrahl je nach Jahreszeit und Neigungswinkel der Sonne auf eines dieser Daten und entreißt das Ereignis so aus dem Dunkel.

Jörg Herold wurde 1965 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Stukkateur studierte er Malerei in Leipzig und Berlin. 1985 kam er bei Freunden in Rothspalk unter und erwarb fünf Jahre später die benachbarte Schnitterkaserne. „Seitdem baue ich“, weist er auf Unfertiges hin. Dass es mit der Bauerei nur zögernd voran geht, mag einen Grund haben: wenn Herold an künstlerischen Vorhaben arbeiten will, kommt er nach Mecklenburg. Den ehemaligen Schlafsaal der Schnitterkaserne hat er als Atelier eingerichtet.


In altem Schafstall Ruhe zum Arbeiten


„Hier finde ich die Ruhe und die Einsamkeit, um mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich könnte gar nicht woanders arbeiten“, sagt er. In Leipzig, wo die Familie lebt, erledigt er allen notwendigen Schriftkram: Konzepte für Ausstellungen, Förderanträge, Recherchen für neue Projekte. Das Kalenderjahr des Jörg Herold ist dreigeteilt. „Ein Drittel bin ich in Mecklenburg, ein Drittel in Sachsen und ein Drittel auf Reisen“, erklärt er. Die Arbeitsaufenthalte in Japan, Italien, Brasilien, Venezuela oder auf der Krim haben ihn bereichert, den Blick geweitet, mitunter Sichtweisen verändert. Demnächst will er auf den Spuren eigener Familiengeschichte Schlesien besuchen.

Seit 2013 hat er in Bildern, Texten und Gesprächen mit Zeitzeugen alles gesammelt, was mit dem Land, für das es heute keine Grenzen mehr gibt, zusammenhängt. Herold ist auf Rübezahl gestoßen, den Herrn der Berge und Höhlen, und hat Geschichten von Flucht und Vertreibung gehört. Die künstlerische Ernte der Recherche war bis August in einer Leipziger Galerie in der Ausstellung „Der Dokumentararchäologe auf der Suche nach dem Himmelreich der Schlesier“ zu sehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen