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Güstrower Anzeiger

23. November 2017 | 23:22 Uhr

Gedenken : Einzigartiges Anti-Kriegs-Mahnmal

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Gedenken an die Abnahme des Schwebenden am Sonnabendabend im Güstrower Dom / Vortrag von Dr. Volker Probst

„Sollte ich eine Flinte in die Hand bekommen, würde es mir große Freude bereiten, sie auch zu benutzen. Besonders gegen Engeland.“ Kriegsbegeisterung bei Ernst Barlach – dies dürfte manchen der etwa 120 Besucher am Sonnabendabend im Güstrower Dom überrascht haben. Zur traditionellen Gedenkveranstaltung der Domgemeinde, zur Erinnerung an den Frevel der Abnahme des Schwebenden am 23. August 1937 durch die Nazis, hatte Pastor Christian Höser diesmal Dr. Volker Probst, den Geschäftsführer der Ernst-Barlach-Stiftung, für den Vortrag gewinnen können.

1914 – der Ausbruch des Ersten Weltkrieges liegt nun 100 Jahre zurück. Probst zitierte aus den Güstrower Tagebüchern von Ernst Barlach. Obwohl schon 44-jährig konnte es der Bildhauer kaum erwarten, gemustert und eingezogen zu werden. Er überlegte gar, eine Krankenpfleger-Ausbildung zu machen, um seine Chancen zu verbessern. Freiwillig arbeitete er ab dem 20. Oktober 1914 in einem Güstrower Kinderhort, am 20. April 1915 folgte die Musterung im Schützenhaus („Fleisch- und Knochenschau“). Akribisch plante Barlach, was er vor seiner Einberufung zu erledigen und mitzunehmen gedachte: „Haarschneiden, Geld, Wurst, Seife, Nähzeug…“

In Sonderburg (heute Dänemark) und Lockstedt lernte Barlach den militärischen Trainingsdrill kennen und fürchten („Appelle – scheußliche Stehübungen“). Es kommen ihm erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit. Gleichwohl notiert er: „In Lockstedt wehte Kriegsluft – da bin ich als Soldat glücklich gewesen.“ Erst der Tod seines Freundes und Kunsthändlers Max Dietzel, der 1916 in den Vogesen fiel, wird für Barlach zur Zäsur und wirkt auf ihn „wie eine reale Kriegserfahrung“.

In seinem äußerst fakten- und detailreichen Vortrag, begleitet und anschaulich gemacht durch viele Bilder, widmete sich Volker Probst der Kriegsaufarbeitung Barlachs nach dessen Güstrow-Rückkehr (28. Februar 16), die sein künstlerisches Schaffen über viele Jahre bestimmen sollte. Ehrenmale für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Magdeburg, Malchin, Teterow, Stralsund. Schließlich der Schwebende, der 1927 im Güstrower Dom aufgehängt wurde. Ein Anti-Kriegs-Mahnmal, das in seiner Einzigartigkeit besticht und das deshalb ab 16. Oktober 2014 für gut drei Monate in London zu sehen sein wird (SVZ berichtete). Als Blickfang und Höhepunkt einer Ausstellung zur deutschen Geschichte – so der Wunsch von Neil McGregor, Direktor des British Museum London.

Volker Probst und Dompfarrer Christian Höser betonten, welchen Schatz Güstrow mit dem Schwebenden besitzt. Ein Schatz, der uns immer wieder zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen sollte, so Probst. Umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung durch Kirchenmusikdirektor Martin Ohse, der mehrere Werke von Hindemith und Nepomuk an beiden Orgeln spielte.

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