MIn lütt Dörp : Einfach ist in Neu Sammit nichts

Heidrun und Detlef Fügert fühlten sich in Neu Sammit sofort wohl Fotos: REgina mai
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Heidrun und Detlef Fügert fühlten sich in Neu Sammit sofort wohl Fotos: REgina mai

20 Einwohner hat der Ortsteil von Krakow am See / Reizthemen: Treuhand und Naturschutz

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19. August 2015, 08:31 Uhr

Es geht durch den Wald. Hoch ragen die Nadelbäume am Straßenrand auf. Der Gedanke an eine gotische Kathedrale drängt sich auf – die Natur als Gotteshaus. Links taucht ein erstes Haus auf, rechts das Schloss. Nicht mehr als sieben Häuser stehen in Neu Sammit – eine alte Gutsanlage in idyllischer Waldlage am Langsee.

„Wenn meine Kinder kommen, sagen sie, sie kämen zurück ins Paradies“, erzählt Detlef Fügert (64). Der Hamburger ist erst vor wenigen Jahren mit seiner Frau Heidrun Fügert (62) nach Neu Sammit gezogen, vermutlich in ein altes Siedlerhaus, das in einem erbärmlichen Zustand war. „Man stelle sich etwas Schlimmes und setze es ins Quadrat“, beschreibt Detlef Fügert. Aber die Lage sei entscheidend gewesen. Außerdem hätten er und seine Frau sich in Neu Sammit sofort wohlgefühlt. Als Konstrukteur im Stahlbau könne er von zu Hause aus arbeiten. „Schnelleres Internet wäre besser“, sagt Detlef Fügert. Lucia Dirks (55) stimmt dem zu.


Eine Gutsanlage, sieben Häuser


Sie ist in Neu Sammit aufgewachsen. Die Eltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland nach Krakow am See. „Im Forsthaus wohnten damals zehn Familien. Als ein Zimmer frei geworden war, hatte mein Vater entschieden dort einzuziehen“, erzählt Lucia Dirks. Fließendes Wasser und Strom waren damals ein gewichtiger Grund für die Entscheidung. Der Gutsherr sei auf Zack gewesen und habe Neuerungen, die das Leben erleichterten, schnell nach Neu Sammit geholt. Ein Trafohäuschen steht noch heute auf Fügerts Grundstück. Wie ein Rapunzelturm sieht er aus.

Bewohnt sind heute das ehemalige Gästehaus, das Gesindehaus, das Forsthaus, das Hühnerhaus und der Reitstall. Der wurde schon zu DDR-Zeiten als Ferienlager genutzt. Als nach der Wende kein Ferienlager mehr gebrauchte wurde und Neu Sammit insgesamt ganz schnell bei der Treuhand gelandet war, wurde schnell klar, dass man selbst handeln müsse, wenn man die Geschicke des Dorfes in der Hand behalten wollte, erinnert sich Lucia Dirks. Aus dem ehemaligen Ferienlager wurde eine Begegnungsstätte, die von einem eigens dafür gegründeten Verein betrieben wird. Der Christliche Trägerverein der Kinder- und Jugendbegegnungsstätte Neu Sammit hat inzwischen auch das Herrenhaus in Erbbaupacht als Jugendschloss übernommen. 2009 kamen die ersten Gäste – Kinder und Jugendliche. Ehrenamtlich sei das Ganze schon lange nicht mehr zu bewältigen. Lucia Dirks und ihr Mann Joseph, die zuvor mit Bauunternehmen und Zimmerei selbstständig waren, haben als Angestellte die Geschäftsführung und technische Leitung übernommen.

Doch: Einfach ist in Neu Sammit nichts. Auf die Treuhand ist hier niemand gut zu sprechen. Um alles habe man kämpfen müssen, sagt Lucia Dirks. Es gebe eine große Erbengemeinschaft, die durchaus andere Vorstellungen hatte und hat. Erst zuletzt sei „Wald von der Treuhand an Anspruchsberechtigte verkauft“ worden, berichtet die 55-Jährige. Die Einwohner würden nicht zu den Anspruchsberechtigten gehören.


Früher mehr Pferde, aber mal auch Panzer


Ein zweites Problemfeld sprechen Karin und Christoph Hübener (beide 59) an. Neu Sammit befindet sich im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide. Als naturverbundene Menschen haben sie damit eigentlich kein Problem. Aber die Welt entwickele sich weiter und manche Entwicklung bringe auch die Notwendigkeit von Veränderungen mit sich. Hübeners – beide als Psychotherapeuten in Neu Sammit bzw. in Güstrow tätig – wollen ein schlichtes Holzhäuschen errichten, in dem Karin Hüber alle ihre Patientenakten, die jahrelang aufgehoben werden müssen, deponieren kann. Das wird ihnen verwehrt. „Das kämpfen wir jetzt aus“, sagt Christoph Hübener und ist entschlossen bis zur letzten Instanz zu gehen.

Gekommen waren die Hübeners vor 30 Jahren. Erst kürzlich feierten sie das Jubiläum mit allen Nachbarn. „Hier gibt es ja nur drei Familien“, betont der 59-Jährige. Die beiden Leipziger wohnten in Potsdam, als die gehörlose Tochter mit drei Jahren in eine Gehörlosenschule mit Internat musste. Sie wollten ihren Tochter aber jeden Tag wieder nach Hause holen und sind deshalb in die Nähe einer Gehörlosenschule – die in Güstrow – gezogen. „Wir wollen hier nie wieder weg. Wir haben uns unseren Traum vom Leben erfüllt“, sagt Christoph Hübener. Man brauche die Ruhe und die Natur um der psychologischen Beanspruchung durch den Beruf erfolgreich entgegentreten zu können, erklärt der passionierte Läufer. Rund 30 Marathonläufe in aller Welt hat er absolviert. In Südafrika gebe es die schönste Strecke, in Peking die meisten Zuschauer und in New York die verrücktesten Leute, fasst er zusammen. Laufen, Radfahren und Schwimmen – in Neu Sammit werde man zum Triathleten. Nicht selten treffen sich die Frauen morgens beim Schwimmen im Langsee: Karin Hübener, Heidrun Fügert und Lucia Dirks.

„Früher gab es hier mehr Pferde als Autos“, erzählt Christoph Hübener. Die Straße endet in Neu Sammit, ein Landweg führt weiter nach Alt Sammit. Dazu fällt ihm die Geschichte mit den Panzern ein – die schärfste Verkehrssituation, die man je in Neu Sammit erlebt hätte. Man saß im Wohnzimmer als auf einmal die Erde bebte. Es waren russische Panzer, die ins Dorf rollten, hielten und sich wieder zurückzogen. „Die durften damals auf keiner asphaltierten Straßen fahren“, erzählt Karin Hübener. Anschließend seien sie mit Zweigen aus dem Wald gekommen und hätten die Straße gesäubert. 

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