Exkurs in Vergangenheit : Eine Suche nach ältestem Haus

Es könnte der älteste Profanbau der Stadt sein. Hölzer im Dachstuhl der Domstraße 7 werden auf das Jahr 1506 datiert. Fotos: REgina Mai
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Es könnte der älteste Profanbau der Stadt sein. Hölzer im Dachstuhl der Domstraße 7 werden auf das Jahr 1506 datiert. Fotos: REgina Mai

Bestandsaufnahme aller Altstadthäuser in Güstrow / Dendrochronologische Untersuchungen

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04. Juni 2015, 06:00 Uhr

Mit einer Überraschung wartete jüngst Ulrich Bunnemann auf: Das Haus in der Langen Straße 46 macht in erbärmlichem Zustand wahrlich nichts her, dürfte aber eines der ältesten Gebäude in Güstrow sein. Die Art und Weise wie Eichenhölzer in Ständerbauweise zusammengefügt wurden, deutet auf spätes Mittelalter hin. Dendrochronologische Untersuchungen weisen aus, dass die Bäume 1533/34 gefällt wurden. Welches aber ist das älteste Haus in Güstrow? Wo verbergen sich hinter meist im 19. Jahrhundert im klassizistischem Stil veränderte Fassaden Mittelalter und Renaissance?

So einfach ist es nicht, stellt sich schnell heraus. Iris Albrecht bringt als erstes die Domstraße 7 – einst Theaterkasse, heute Café – ins Spiel. „Es ist 1506 als zweigeschossiges Giebelhaus in Geschossständerbauweise mit hohem Dach errichtet worden“, schreibt Margrit Christensen. Die Bauhistorikerin hat in den 1990er-Jahren alle Häuser in der Güstrower Altstadt mehr und weniger genau unter die Lupe genommen, hat eine zig Aktenordner umfassende Bestandsaufnahme für die Stadt angefertigt. Eine Fleißarbeit – auch für den heute Interessierten. Nach Alphabet beginnt es mit der alten Domschule (1579), gleich daneben der Domplatz 15 (1590) und das Lühe’sche Haus, bekannt auch als Wallensteins Hofgericht (1583 vollendet) und die Domstraße 14 mit darin verbauten Hölzern von 1584. Das Fachwerk-Traufenhaus in der Katzenstraße 1 enthält im Kern Elemente von 1570/90. In der Kerstingstraße 2 wird der älteste Teil dendrologisch ebenfalls auf 1506 datiert. Erweiterungen erfolgten 1592 als Renaissance-Giebelhaus. Das Fachwerk-Durchfahrtshaus Kerstingstraße 4 enthält Hölzer von 1590, das Haus am Markt 22 von 1503, jenes am Markt 24 von 1590. In der Sandstraße stehen Fachwerk-Traufenhäuser – eine ganze Reihe unter einem gemeinsamen Satteldach aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (dendro: 1557). Das Jahr 1572 ist in der Akte für die Schlossstraße 6 notiert.

Stadtbrände: 1503, 1508 und 1512

„Dendrochronologische Untersuchungen sind die naturwissenschaftlich exakteste Methode“, betont Margrit Christensen. Wo diese fehlen, bleibt es wage. Viele Häuser am Markt dürften aus dem 16. Jahrhundert stammen, zumindest im Kern. Auch Häuser aus der Baustraße, der Burgstraße und der Gleviner Straße reihen sich hier ein. Mit Blick auf die großen Stadtbrände erscheint es naheliegend: Nach dem Großbrand 1503 soll nicht viel stehen geblieben sein. Nur Dom, Burg, einige Häuser am Ziegenmarkt, heißt es. Wie das nach den Bränden 1508 und 1512 war, weiß man nicht.

Der Balken allein macht’s nicht

Für Jan Schirmer, – sein Thema im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege sind Bürgerhäuser und Stadtbefestigungen – sind die dendrologischen Untersuchungen das eine, für ihn aber sind es „nicht die Balken, sondern eher die Geschichte und die Entwicklung eines Hauses“, die er spannend findet. Hölzer hat man beim Bauen auch wiederverwendet. Schirmer setzt mehr auf typische Bautechniken bei der Datierung, auch auf den stilistischen Vergleich. Nach Güstrow befragt, fallen ihm sofort die Kerstingstraße 2 und die Lange Straße 36/Ecke Grepelstraße ein. Hinter einer dreiachsigen klassizistischen Fassade steckt eine die Geschosse übergreifende Fachwerkkonstruktion.

Heilig-Geist-Kapelle und gotischer Keller

„So genau weiß das keiner“, sagt Güstrows Bürgermeister Arne Schuldt. Es gebe keine flächendeckenden Untersuchungen. Die Domstraße 7 mit dem Jahr 1506 fällt ihm sofort ein. „Aber keiner weiß, ob das Haus bei den Stadtbränden wirklich stehen bleib“, fügt er hinzu. Für ihn stellt sich bei der Beurteilung auch immer die Frage: Wie viel ist aus alter Zeit erhalten? Unter diesem Gesichtspunkt hält Schuldt viel davon die Heilig-Geist-Kapelle von 1308 als ältestes Gebäude einzustufen. Drei Seiten sprechen dafür – lediglich an der Hofseite gibt sich neugotisch –, außerdem das Heiliggrab und Reste eines Kamins. Und dann ist da natürlich der Dom (1226 gestiftet, 1335 geweiht) und die Pfarrkirche (1308 erstmals urkundlich erwähnt, nach Stadtbrand von 1503 erst 1508 wiedergeweiht) sowie Reste der alten Burg unter dem Schloss. Und: Unter dem Kemladen am Markt 25 befindet sich der wohl älteste bürgerliche Keller in gotischer Formsprache. Christoff Röhm beauftragte einen Bauhistoriker, der ihn um 1270 datiert. „X-mal ist ein Haus darüber gebaut worden. Der Keller blieb“, stellt der Eigentümer fest. 

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