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Ins Atelier geschaut : Eine alte Kunst im Wandel

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Ins Atelier geschaut: Angelika Kuhrt gestaltet Bücher nach neuer und herkömmlicher Art

Angelika Kuhrt hat im ehemaligen Küsterhaus neben der Kirche von Kirch Rosin zwei Arbeitsplätze. Einer ist eine Druckwerkstatt mit einigen Satzregalen, die mit Bleisatzschriften bestückt sind. Dazu Blindmaterial wie Spatien, Gevierte, Stege und Regletten sowie allerhand Werkzeuge wie Winkelhaken, Ahle und Typometer. Alles, was man zum Setzen mit Bleibuchstaben braucht. Sogar Holzschriften für Plakate sind vorhanden.

Mittelpunkt des zweiten Arbeitsplatzes ist ein Computer.


Buchkünstlerin wird zur Graphikdesignerin


Die beiden Refugien der Angelika Kuhrt symbolisieren den Wandel einer Kunst, die mit der Erfindung von Johann Gutenberg vor über 570 Jahren begann. Die 68-Jährige ist Buchgestalterin oder – wie es heute gern heißt – Grafikdesignerin. „Das ist eigentlich ein Handwerk, das aber, wenn man es gut ausführt, vielleicht Kunst werden kann“, sagt Angelika Kuhrt. Sie erlebt, dass der Wandel in der Buchherstellung das Ende der traditionellen Buchgestaltung befördert. „Wir sind eine aussterbende Spezies“, sagt sie ohne Groll, aber mit einer Traurigkeit, die dem Verlust eines wichtigen Kulturgutes gilt. Dennoch ist sie überzeugt, dass mit einer leistungsstarken Technik in der Buchherstellung auch die Verantwortung des Typografen für die ästhetische und zweckmäßige Anwendung der Typografie wächst. Das gab ihr ihr Vater und Lehrer, der Grafikdesigner Walter Schiller (1920-2008), mit auf den Lebensweg.


Schon frühzeitig von guten Büchern umgeben


Denn mit guten Büchern umgeben war Angelika Kuhrt schon von früher Jugend an. „Ich hatte die schönsten Kinderbücher der Welt, weil mein Vater damit ja ständig zu tun hatte“, erinnert sie sich. Für viele Bücher, die in der DDR als „Schönstes Buch“ ausgezeichnet wurden, hatte er die typografische Gestaltung übernommen. Seine Begeisterung für die Buchkunst hatte er bald auf die Tochter übertragen.

Angelika Schiller, die später den Maler, Grafiker und Bildhauer Rolf Kuhrt heiratete, studierte in Leipzig Buchgestaltung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Ihre Diplomarbeit bestand in der Gestaltung der von Horst Milde und Erich Schmidt verfassten und im Transpress-Verlag Berlin 1973 erschienen „Die alte Sachsenpost“ sowie in Erwin Ortmanns Standardwerk „Zinnfiguren einst und jetzt“, Edition Leipzig, 1973.

„Ich habe Bücher immer mit großer Freude gestaltet. Gut war, dass man nie allein gearbeitet hat, sondern immer im Austausch mit Fachleuten“, sagt sie. Oft übernahm sie die Gestaltung von Büchern oder Plakaten, für die ihr Mann die grafischen Arbeiten beisteuerte. Diese enge Zusammenarbeit setzte das Paar fort, als es zu Beginn des neuen Jahrtausends endgültig nach Mecklenburg übersiedelte.


Zunehmend wird Computer Arbeitsmittel


Zuvor hatte Angelika Kuhrt mitgewirkt, als Eckehart Schumacher-Gebeler 1994 zusammen mit vielen namhaften Typografen aus aller Welt das Museum für Druckkunst Leipzig gründete. Es sollte kein Museum der herkömmlichen Art entstehen, sondern vielmehr Voraussetzungen geschaffen werden, um die komplizierte Technik am Leben zu erhalten und noch vorhandene Gewerke an nachfolgende Generationen weiter zu geben.

Im zweiten Arbeitszimmer, in dem mit dem Computer, sitzt Angelika Kuhrt zurzeit über der Gestaltung einer vierbändigen Ausgabe namens „Mittelalterliche Dorfkirchen in Mecklenburg“. Dr. Klaus Heller hat dazu um die 350 Gotteshäuser auf dem Lande besucht. Die aktuelle Herausforderung für Angelika Kuhrt besteht darin, eine übersichtliche, aber dennoch ansprechende Landkarte, die zu den Kirchen führt, zu entwerfen. Gern wechselt sie aber auch an den Arbeitsplatz in der Werkstatt, um Einladungskarten, Lesezeichen oder ganz einfach ein Gedicht von Goethe kunstvoll zu gestalten.





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