Donnerstag nach Ostern soll Schloss Vietgest versteigert werden : Ein Schloss sucht seinen Erlöser

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Bald wieder eine gute Adresse? eckhard rosentreter

Gute Aussichten gibt es, dass Schloss Vietgest aus seinem Winterschlaf erwacht. Am 4. April versteigert das Amtsgericht Güstrow den Barockbau. Zwangsversteigerung, um genau zu sein, steht dann auf der Rolle.

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27. März 2013, 05:11 Uhr

vietgest | Gute Aussichten gibt es, so scheint’s, dass Schloss Vietgest aus seinem Winterschlaf erwacht. Am 4. April versteigert das Amtsgericht Güstrow den Barockbau. Zwangsversteigerung, um genau zu sein, steht dann auf der Rolle am Franz-Parr-Platz. Das Hauptgebäude mit der Zufahrt von der Bundesstraße aus sowie der Park stehen im Komplex zum Erwerb, insgesamt knapp 26 000 Quadratmeter Grundstücksfläche.

Die Aussichten, dass Schloss Vietgest seinen Traumprinzen bzw. seine Traumprinzessin findet, scheinen nicht schlecht zu stehen. Gut ein Dutzend Leute kam, als die Gemeinde den Interessenten die Türen geöffnet hat. "Wir sind froh, dass das Amtsgericht die Versteigerung zügig angesetzt hat", sagt Bürgermeister Reinhard Knaack. Vandalismus ist bisher nur in Ansätzen erkennbar, doch je länger solch ein Schloss leer steht…

Schönes, schweres Erbe mit erheblichem Investitionsstau

In den 1990er-Jahren war Schloss Vietgest ein beliebter Tagungsort, avancierte als solcher zum Stammlokal für die Landes-CDU. Doch irgendwann beließ es der Eigentümer beim Stand der Dinge, wurden Investitionen nur noch bei Notwendigkeit getätigt. Das einstige Prachtschloss kam äußerlich mehr und mehr herunter. Auch ein späterer Inhaber durfte, konnte oder wollte als Pächter nicht grundlegend sanieren. Der war einst mit großem Enthusiasmus gestartet, hatte ein Restaurant und Hotelbetrieb eingerichtet. Sogar eine Außenstelle des Standesamtes wurde hier unterhalten. Praktisch und romantisch - nach der Trauung konnten die jungen Paare an Ort und Stelle ihre Hochzeitssuite beziehen. Gut besuchte Bauern-, Oster- und Weihnachtsmärkte mit einheimischen Kunsthandwerkern verhalfen dem Haus zu Bekanntheit. Zugleich sollten sich die Einheimischen gebunden fühlen. Zuletzt wurde mangels Beteiligung abgesagt.

Und insgesamt blieb das Geschäft mühselig. Schöne Ideen wie z.B. die Sanierung der vorgelagerten großen Remise und Herrichtung zu Künstlerwohnungen und -werkstatt blieben immer Wunschträume. Die Remise (die gehört nicht zum Versteigerungsgut) verfällt immer mehr. Auch der historische Landschaftsgarten sah schon bessere Tage. Seit dem Tod des Pächters vor anderthalb Jahren steht das Haus leer.

Das Erbe ist nicht leicht. Obwohl - für schlappe 110 000 Euro ist das Schloss ausgeschrieben, dies wurde in einem Gutachten als Verkehrswert ermittelt. Gut möglich, dass es bei geltenden Wertgrenzen auch darunter weggeht. Denn der Sanierungsbedarf ist erheblich. Fassade, Heizungsanlage, Dach… da muss einiges gemacht werden. Rund 3 Millionen Euro, das schätzt der Gutachter als "grobe Annäherung", müsste ein neuer Eigentümer aufbringen, um das Haus wieder in Schuss zu bringen. Reichen wird das längst nicht, denn denkmalpflegerische Belange sind in dieser Summe noch gar nicht mal berücksichtigt. "Schwer kalkulierbar", macht der Gutachter aufmerksam.

Alter Traum von Künstlerkolonie oder Altenheim oder…?

Und doch, das Interesse bei einem Besichtigungstermin gibt Anlass zu der Hoffnung, dass die Versteigerung nicht wiederholt werden muss. Die meisten Interessenten geben sich zu ihren Plänen mit dem Schloss und wie ernst sie es meinen freilich bedeckt. Ob sie das Projekt überhaupt stemmen können, finanziell? Dies, so hat man gerade in Viegest seine Erfahrungen, weiß man erst später. Aber vielleicht wird es ja doch noch eine Art Künstlerkolonie, wie in den alten Träumen? Ilka und Heinrich Scheidgen etwa, die im Brandenburgischen leben, könnten sich Viegest gut als Altersruhesitz vorstellen. Er, Maler und aus Mecklenburg stammend, verliebt sich schnell in den Festsaal. Große Flächen braucht er für eine Galerie. "Natürlich müssten da Stellwände hin. Diese schönen Wände kann man ja nicht kaputt machen", sagt seine Frau, die Schriftstellerin, die im Kölner Raum zu Hause war. Das ganze Haus eine kulturelle Begegnungsstätte, mit Wohnungen für Künstlergäste bei ihrem kurzen oder längeren Aufenthalt - das könnten sie sich gut vorstellen.

Einem anderen Besichtiger, aus Hamburg angereist, schwirren viele Ideen im Kopf herum. Er misst an allen möglichen Stellen Abstände, Deckenhöhen, Raumlichten. Ein Altenheim, mit ziemlich luxuriösem Zuschnitt - als eine Möglichkeit gut vorstellbar, meint er.

Plötzlich hallt ein schöner Klang durchs ganze Haus. Irgendwo auf einer unteren Etage hat eine Frau ein Lied kurz angestimmt, will wohl die Akustik testen. Warm und klar schallt es bis in die oberen Stockwerke. Doch Künstler als Favoriten?

Ein anderes Paar, auch von weit her mit schickem Auto gekommen, ist recht schnell wieder draußen, hat offenbar genug gesehen - so oder so?

Am 4. April, wenn zu den Geboten aufgerufen wird, wird man sehen, wer sich wieder trifft.

Gutsanlage, Schule Tagungsheim, Hotel

Das Barockschloss Vietgest wurde im Zeitraum 1781 bis 1794 – es gibt unterschiedliche Angaben – für den ehemaligen geheimen Kabinettsrat Joachim Gabriel Friedrich Boldt errichtet. Etwa 1840 übernahm die Familie Schauburg-Lippe die Gutsanlage und hatte sie bis 1945 in ihrem Besitz. Von 1949 diente das Schloss bis 1976 als Schule, nach umfangreichen Umbauarbeiten zwischen 1980 und 1990 fungierte es als Ferien- und Schulungsheim. Nach Übernahme durch einen Pächter 2001 führte der den Hotelbetrieb weiter und betrieb ein Restaurant.

Der barocke Garten auf der Südseite der Anlage wurde in den 1980er-Jahren rekonstruiert. In diesem Zustand ist er seither nur wenig gepflegt worden. Charakteristisch für diesen Landschaftsgarten sind die vielfältigen Sichtbeziehungen. Der kleine Teich zum Beispiel ist so angelegt, dass sich das Schloss darin spiegelt. So sollte es sein. Doch der Garten verwahrloste immer mehr, den Teich „zieren“ ein dichter Schilfgürtel und Wildwuchs. Seit 2011 Leerstand.

Denkmalgeschützte Anlage verwildert ohne Nutzer immer mehr

Die zu ersteigernde Grundstücksfläche umfasst insgesamt 25 635 Quadratmeter. Dazu gehört das Schloss mit der Straßenzufahrt auf der Nordseite und der Barockgarten. Die gesamte Anlage ist denkmalgeschützt. Die nutzbare bebaute Fläche im Baukörper beträgt rund 2200 Quadratmeter. Von den 28 Zimmern standen 21 mit 56 Betten den Gästen zur Verfügung. Die anderen Räume blieben aus Brandschutz- und Gesundheitsgründen zuletzt ungenutzt. Im Außenbereich sind befestigte Stellplätze in für die bisherige Nutzung adäquater Zahl nicht vorhanden. Wege sind ebenfalls teilweise nicht befestigt.

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