Post-Wirrwarr in Güstrow : Ein Paket auf Deutschland-Rundreise

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Von Lagos nach Laage in acht Tagen – nach Güstrow in drei Wochen

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12. August 2016, 08:00 Uhr

In der Barlachstadt ist gestern ein Paket angekommen. Glücklicher Empfänger ist Christopher Timothy Onyeanuforo. Der in unseren Breiten ungewöhnlich klingende Name hat mit dem Paket etwas gemeinsam – die Herkunft. Der 58-Jährige Güstrower stammt aus Nigeria, kam 1993 nach Deutschland.

Onyeanuforos Ehefrau, ebenfalls aus seiner ursprünglichen Heimat kommend, in Güstrow eingebürgert, hatte sich bei ihrer Mutter, die in der Nähe von Lagos wohnt, ein Kleid bestellt. Zu einer Taufe in ihrer neuen Heimat Deutschland, deren Staatsbürger beide seit anderthalb Jahrzehnten sind, möchte Frau Onyeanuforo gerne ein typisch afrikanisches Kleid tragen. Eine Überraschung für die Gastgeber! Schwiegermutter in Afrika machte sich also daran und nähte. In Lagos, der größten Stadt Nigerias, am 11. Juli aufgegeben, begann dann die Odyssee des Paketes…

Am 19. Juli bereits bekommt Herr Onyeanuforo von der Deutschen Post die schriftliche Information, dass das Paket nach Zwischenstopp in Frankfurt/Main in der Zollübergabestelle in Laage eingetroffen sei. Da aus unersichtlichem Grunde die Postsendung nicht zur Verzollung angemeldet werden konnte, sei das Paket beim Zollamt auf dem Flughafen Laage zur Abholung nebst Verzollung hinterlegt. Da für den Fall, dass er das nicht tun könne, gleich ein Formular beigelegt war, nutzte Herr Onyeanuforo die Chance. Er sei nämlich zurzeit krankheitsbedingt fahruntüchtig, und seine Frau könne wegen ihrer Arbeitszeiten ebenfalls nicht zum Zollamt fahren. Besagtes Formular ausgefüllt und unverzüglich abgeschickt, wartete Herr Onyeanuforo. Einen Tag, zwei, drei Tage… Nach vier Tagen wird der Mann unruhig, fragt telefonisch beim Zollamt in Laage nach. Erstaunt musste er da hören, dass sein Paket auf dem Weg nach Leipzig, genauer nach Taucha unterwegs sei – dem dortigen Zollamt! Warum das so sei, habe er nicht erfahren, sagt er. Immerhin man habe ihm bereitwillig die Telefonnummer der Kollegen in Sachsen genannt. Nach einigem weiteren Durchfragen dort landete er schließlich an einer Stelle, die ihm sagen konnte: „Ihr Paket ist unterwegs nach Frankfurt.“ Was das Paket wieder in Frankfurt soll, wollte sich Herrn Onyeanuforo nun gar nicht mehr erschließen.

Knapp der Retour nach Afrika entgangen

Hilfe und Rat suchend, bemühte er den „Heißen Leserdraht“ zur SVZ-Lokalredaktion. Eine gute Woche braucht das Paket auf dem afrikanischen Lagos nach Laage, doch dann dauert es noch mehr als drei Wochen, um Güstrow zu erreichen? „Ich wundere mich, dass so was in Deutschland passieren kann“, sagt Christopher Timothy Onyeanuforo. Er sei selbst Paketzusteller bei einer großen Firma und wisse daher, was ein Kunde in Deutschland von ihm verlangen und auch erwarten könne. Aber: „Zum Glück sind nur Klamotten drin, nichts wirklich Wichtiges.“

Eine Nachfrage beim Hauptzollamt in Stralsund, der zuständigen übergeordneten Stelle für den Adressaten des Paketes aus Afrika, ließ jedoch zunächst nichts Gutes ahnen. Die Post, so erfahren wir von Pressesprecher Matthias Klotsch, ist verantwortlich, dass eine Postsendung zunächst ins richtige Zollamt kommt. Nun müsse kein Empfänger persönlich im Zollamt erscheinen. Klotsch: „Sind alle Unterlagen da, wird das Paket verzollt und dem Empfänger zugeschickt.“ Sollte aber irgend etwas an Formalitäten fehlen, werde die Sendung „zentralisiert“ bearbeitet, heißt: in Frankfurt am Main. Sollte auch dort Unklarheit bestehen, gehe die Sendung zurück an den Absender. Häufig, so Klotsch, fehle die Rechnung für den Inhalt, oder dessen Wertbestimmung. Einfach etwas als „Geschenk“ zu deklarieren, wie es oft vorkomme, gehe selten gut.

Ganz mulmig wurde es da Christopher Timothy Onyeanuforo. Er sei sich sicher, dass er alles korrekt ausgefüllt habe und genau nach den auf der Benachrichtigung an ihn aufgeführten Hinweisen vorgegangen sei. Eine Rechnung könne es, da seine Schwiegermutter ja selbst genäht habe, nicht geben. Also sei der Paketinhalt tatsächlich mit dem verdächtigen Wort „Geschenk“ deklariert, wie er wisse. Sollte das Kleid für seine Frau etwa auf dem Weg zurück nach Lagos sein?! Unser Leser fragt sich gleich nach Frankfurt durch, findet dort auch einen verständigen Bearbeiter seiner Sache. Dessen Trost: „Bleiben Sie mal ruhig, es wird bearbeitet.“ Und tatsächlich: Gestern traf das Paket bei Christopher Timothy Onyeanuforo ein.

Rechtzeitig noch zur Taufe kann Frau Onyeanuforo ihr Kleid anprobieren. Und immerhin: Die zusätzlichen Kosten für die Rundreise seines Paketes blieben dem Empfänger erspart. Die Verwunderung darüber, welche Wege in Deutschland möglich sind, nicht.

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