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Manfried Scheithauer : Ein neues Atelier in der neuen Heimat

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

SVZ-Serie „Ins Atelier geschaut“: Zu Besuch bei dem Grafiker und Zeichner Manfried Scheithauer in Güstrow

Das Atelier ist hell, geräumig und praktisch eingerichtet. Manfried Scheithauer konnte mitreden, als es in der Güstrower Hagemeisterstraße gebaut wurde. Vorausgegangen war die Entscheidung von Tochter Irene und Schwiegersohn Uwe Heinze, von Laage nach Güstrow zu ziehen. Nun stehen sich zwei Flügel eines modernen Flachbaus gegenüber. „Wir wohnen im ‚Osten’, unsere Kinder im ‚Westen’“, beschreibt Scheithauer schmunzelnd eine gesellschaftliche Situation, die hierzulande in vielen Familien Realität geworden ist. Das von beiden Seiten zugängige Atelier verbindet die Jungen und die Alten.


Liebe zur Stadt von Brinckman und Barlach


Über den Sommer vergangenen Jahres übersiedelten Gisela und Manfried Scheithauer von Mühlengeez, ihrer Heimat seit 50 Jahren, nach Güstrow. Am 7. Oktober wurden sie auf dem Einwohnermeldeamt auch amtlich Güstrower. Im Herzen waren sie es längst. Gisela Scheithauer formuliert ihre Liebeserklärungen an die Stadt von Brinckman und Barlach in ihren zahlreichen in Archiven gefundenen Geschichten, Manfried in ebenso vielen Zeichnungen und grafischen Blättern.

Dabei: Studiert hat Manfried Scheithauer, 1936 in Freiwaldau im heutigen Tschechien geboren, das grafische Metier nicht, gelernt sehr wohl. Werkzeugmacher lautete sein Ausbildungsberuf, aber gearbeitet hat er fast immer als diplomierter Lehrer. „Nebenbei“ machte er Bilder und merkte sehr bald, dass sie sein Lebenselexier sind. „Sich selbst danach befragen können, wie man in der Welt leben sollte – das ist mir ein wesentlicher Antrieb fürs Bildermachen. Und es ist mir ein Glück, aus dem Holz oder anderen Materialien einen lebendigen Bildorganismus hervorzubringen und dabei drucktechnische Möglichkeiten – vor allem für den Handdruck – zu erkunden“, sagt der Künstler.


Herausforderung: das Holz sprechen lassen


Als Glücksfall bezeichnet er, dass er in den 1960er-Jahren in die Förderklasse „Graphik“ des damaligen Schweriner Bezirkskabinetts für Kulturarbeit aufgenommen wurde. Unter der Leitung von Karlheinz Effenberger, später von Winfried Wolk und Thea Kowar – ganz zum Schluss wurde er selbst der Chef -, erkundete Scheithauer den Hoch- und Tiefdruck sowie Montagetechniken. „Ein großes Erlebnis waren die ersten Radierungen“, erinnert er sich. Angetan aber haben es ihm der Holzdruck und der Holzriss. „Das Holz sprechen lassen, seine Struktur und seine Maserung in die Darstellung einfließen lassen, ist immer wieder eine Herausforderung“, sagt Scheithauer.

Dieser Herausforderung stellt er sich mit einem schier unerschöpflichen Reservoir an Experimentierfreude und mit Besessenheit. Er schneidet, schabt, sticht, ätzt und kombiniert seine Motive in den Druckstock. Konturenmesser, Fräser, Skalpell, Geißfuß, Schleifpapier und Drahtbürste sind ihm vertraute Arbeitsmittel. Seine Motive findet er in der mecklenburgischen Landschaft, in Städten Norddeutschlands oder auf Reisen.

Aber Scheithauer ist auch ein politischer Mensch. Er reagiert mit beißender Satire auf Kriegserklärungen, soziale Ungerechtigkeiten oder dumme Politikersprüche. Ein Satz von Sophokles, Goethe, Heinrich Heine – seinem Verwandten im Geiste – oder Barlach elektrisiert ihn und findet Ausdruck in seinen Textblättern. Zu Ernst Barlachs Drama „Die echten Sedemunds“ schuf er eine Bilderfolge von 19 Blättern. „Bei Scheithauer entstehen Einzelgestalten und Szenen von unerhörter graphischer Prägnanz“, würdigte Volker Probst von der Güstrower Barlachstiftung die Arbeit des Grafikers.

Seit sechs Jahren lagern Holzdrucke zu Barlachs Drama „Der blaue Boll“ im Depot Scheithauers. Vielleicht sieht sie die Öffentlichkeit zur nächsten Dezennium-Ausstellung. 2006, zum 70. Geburtstag des Künstlers, waren in der Städtischen Galerie Wollhalle Güstrow die Werke der vergangenen zehn Jahre zu sehen. 2016, zum 80., soll der nächste Termin sein, wenn die Ernte seines aktuellen Schaffens eingefahren wird.



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