Denkschrift für Güstrowerin : Ein mutiges Herz inmitten des Terrors

Recherchiert unermüdlich die Schicksale der Güstrower Juden: Folker Hachtmann
1 von 2
Recherchiert unermüdlich die Schicksale der Güstrower Juden: Folker Hachtmann

Der Güstrower Pastor i.R. Folker Hachtmann hat der Güstrowerin Edith Kerstenhann, welche sich während des Terror-Regimes der Nazis aufoperfungsvoll für Juden einsetzte, in einer Denkschrift jetzt ein Denkmal gesetzt.

svz.de von
06. Juli 2012, 10:57 Uhr

Güstrow | Sie hat widerstanden in einem Meer des Hasses, hat sich auch angesichts des psychischen Terrors der Nationalsozialisten nicht gebeugt: die Güstrowerin Edith Kerstenhann. Vor genau 70 Jahren stand sie den Güstrowerinnen Tilli Frank und ihrer Mutter Bertha, von den Nazis als Juden zu Untermenschen degradiert, mit ganzer Kraft zur Seite. Edith Kerstenhann verbrachte mit den beiden auch den letzten gemeinsamen Abend in ihrer Heimatstadt. Mehrfach war sie von den subalternen Schergen des Regimes im Güstrower Rathaus aufgrund dieses Umgangs schwer verwarnt worden. Es war der Abend vor dem 10. Juli 1942. An diesem Tag mussten Tilli und Bertha Frank mit 14 weiteren Güstrower Juden einen Zug besteigen, der sie ins Vernichtungslager Ausschwitz brachte. Edith Kerstenhann war bis zuletzt bei ihnen.

Der Diskriminierung durch die Nazis widerstanden

Der Güstrower Pastor i.R. Folker Hachtmann hat Edith Kerstenhann in einer Denkschrift jetzt ein Denkmal gesetzt. "Ich bewundere ihren Mut", sagt der 78-Jährige, der seit Jahren das Schicksal der Güstrower Juden unter der Naziherrschaft aufarbeitet. Ihm ist es wichtig, das düstere Geschehen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. "Edith Kerstenhann hat es gewagt, sich der Diskriminierung der Nazis nicht zu unterwerfen und bis zum letztmöglichen Augenblick an der Seite von Tilli Frank und ihrer Mutter zu bleiben." Diesen drei Frauen, die vor 70 Jahren in Güstrow lebten, widmet er seine Denkschrift. Im April in einer Auflage von 1100 Stück erschienen, ist die kleine Schrift bereits vergriffen. Jetzt gibt es eine Neuauflage, die ab heute in 2500 Exemplaren in der Güstrower Pfarrkirche und im Dom ausliegt.

Folker Hachtmann hat die Erinnerungen von Edith Kerstenhann ausgegraben und in seiner Denkschrift verarbeitet. Hier hat sie die letzten Wochen und Stunden mit Tilli Frank dokumentiert. Sie schreibt: "Nachdem die schreckliche Nachricht vom Abtransport gekommen war, ließ ich alle, aber auch alle Vorsicht fallen, und Tilli kam jeden Abend. Am letzten Abend hatte ich einen großen Menschenkreis bei mir. Sie ging wie ein Held und war für uns alle überwältigend in der Schönheit ihres Ausdrucks. Unvergesslich, wir waren fassungslos. Tilli leuchtete. Sie hatte alles Irdische überwunden und war nur Glück und Liebe. Es waren tiefernste Feierstunden bis Mitternacht. Dann waren Tilli und ich noch allein bis etwa halb vier. Bei Sonnenaufgang brachte ich sie vor meine Haustür; das war das Letzte." Die beiden Frauen waren Freundinnen, beide Jahrgang 1888 und beide Lehrerinnen. Doch Tilli Frank war es aufgrund ihres jüdischen Glaubens schon lange verboten zu unterrichten.


Geschichte in bedrückender Weise "auf den Leib gerückt"

Edith Kerstenhann wohnte damals Am Wall 2. Hier fand das letzte Treffen statt. Erstmals besuchte Hachtmann in dieser Woche die Wohnung von Edith Kerstenhann. "Ich stand 70 Jahre später an dem Ort, wo sie zuletzt zusammen waren. Das war sehr berührend. Die Geschichte ist mir in bedrückender Weise sozusagen auf den Leib gerückt", sagt er. Für Hachtmann ist es bedeutend, darüber aufzuklären, dass es Deutsche gab, die sich im Kleinen, im Alltag dem Terrorsystem widersetzt haben. "Mit der Veröffentlichung eines Einzelschicksals, kann man das gut verdeutlichen", ist der Pastor i.R. überzeugt. Edith Kerstenhann sei zudem eine der wenigen Güstrowerinnen, bei der man schriftlich belegen könne, dass sie sich mit ihrer Freundschaft zu Tilli Frank der Unterdrückung widersetzt habe. "Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, ihrer zu gedenken - der hohen Gesinnung ihrer Seele und ihres stillen, unbeirrten Wagemuts", sagt Hachtmann.

Tilli und Bertha Frank wurden in Auschwitz ermordet. Vor dem Haus in der Güstrower Domstraße, in dem sie zuletzt lebten, liegen zwei "Stolpersteine". "Sie sind wie Grabsteine, Steine des Gedenkens für die Ermordeten", sagt Hachtmann. Edith Kerstenhann starb 1955 in Güstrow. An sie erinnert bis heute nur die kleine Denkschrift von Folker Hachtmann, die ab heute in einer neuen Auflage in den Güstrower Kirchen ausliegt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen