Güstrower in Afrika : Ein Jahr leben in Ghana

Helene Tautz hat in Ghana mit einem Kind Spaß beim Kartenspiel.  Fotos: privat
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Helene Tautz hat in Ghana mit einem Kind Spaß beim Kartenspiel. Fotos: privat

Erfahrungsberichte von zwei Güstrowern über ihr freiwilliges soziales Jahr in Afrika.

svz.de von
17. Juni 2016, 12:00 Uhr

Ein Jahr nach der Schule im Ausland zu verbringen, liegt in unserer heutigen Zeit voll im Trend. Von vielen Seiten hört man, dass es nach Neuseeland, Amerika oder einem Land in Europa geht. Doch nur selten werden Entwicklungsländer wie Ghana angesteuert. Helene Tautz und Steven Reiß wagten im vergangen Jahr das Abenteuer und begannen ein freiwilliges Jahr in Afrika. Beide sammelten dabei verschiedenste Erfahrungen und berichten nun darüber, bevor es für sie in knapp zwei Monaten wieder zurück nach Deutschland geht.


Atemberaubende Orte, tolle Menschen


Die 18-jährige Helene Tautz absolvierte im vergangen Jahr ihr Abitur in Güstrow. Seit mittlerweile fast einem Jahr wohnt sie im Süden Ghanas, nahe der Atlantikküste, in der Stadt Agona Swedru. Nicht weit von ihrem Zuhause entfernt ist die Schule, an der sie als Lehrerin arbeitet. Helene unterrichtet unterschiedliche Fächer, wie Kunst und Science in der Grundschule und in der Mittelstufe. Helene erzählt: „ Ich habe unglaubliche Sachen erlebt, viele gute, aber auch ein paar schlechte Erfahrungen gemacht, die jedoch natürlich dazugehören. Ich habe teilweise atemberaubende Orte gesehen und tolle Menschen kennengelernt. Und die Einheimischen waren immer bemüht, uns ,Obrunis’ – so werden die Weißen hier genannt – ihre Sprache und Kultur näher zu bringen.“

Zu ihren Erlebnissen gehört unter anderem eine unabsichtlich „vertauschte“ Hochzeit. „Wir waren zu einer Hochzeit in der katholischen Kirche in einem kleineren Dorf eingeladen. Also sind wir morgens um acht hin, denn da sollte die Trauung losgehen. Doch hier herrscht die ghanaische Zeit. Das heißt, dass es erst nach 10 Uhr losging. Wir warteten die ganze Zeit auf die Gastmutter meiner Freundin, die auch dabei sein sollte. Aber sie kam und kam nicht… Erst zwei Wochen später stellte sich dann heraus, dass wir in der falschen Kirche, bei der falschen Hochzeit gewesen waren! Aber es war trotzdem eine schöne Trauung“, berichtet Helene mit einem Schmunzeln über das Missgeschick.

Solch ein Jahr in einem Entwicklungsland geht nicht spurlos an einem vorbei, und so hat auch Helene Veränderungen bei sich festgestellt. „Ich weiß nun Dinge zu schätzen, die ich vorher vielleicht für selbstverständlich hielt. Und ich habe gelernt, auch die kleinen Dinge zu genießen. Die schönsten Momente waren oft solche, die anderen vielleicht gar nicht auffallen würden“, glaubt sie. Helene Tautz konnte ebenfalls feststellen, dass so ein Jahr in Ghana keineswegs für jeden etwas wäre. Als Tipp will sie mitgeben, dass man sich vorher auf jeden Fall mit dem Land, seiner Kultur, den Regeln dort und der Lebensweise auseinander setzen sollte. „Gewisse Eigenschaften sind meiner Meinung nach jedoch unerlässlich. Man sollte sich auf jeden Fall schnell anpassen können, offen für Neues sein und Lust auf neue Menschen und tolle Orte mitbringen“, denkt Helene.

Wie es nach dem Afrika-Jahr für sie ab August weitergeht, weiß sie noch nicht genau. Bewerbungen fürs Studium stehen auf dem Plan. Vielleicht jedoch will sie dann doch lieber spontan noch mehr von der Welt sehen?


Vom Zusammenhalt der Menschen beeindruckt


Steven Reiß (20) hingegen erlebte in Ghana ganz andere Sachen. Als er im letzten Jahr nach Ghana flog, nach seinem freiwilligen Jahr beim DRK, sollte für ihn ein ganz neues Abenteuer starten. Steven arbeitet in einem Waisenhaus, wo er für die Kinderbetreuung zuständig ist. In der Zeit wo die Kinder in der Schule sind, hilft er der Haushälterin bei jeglichen Dingen, kocht, fegt, wäscht Wäsche… Nachmittags hilft er den Kindern bei ihren Hausaufgaben oder beim Lernen. Danach ist Freizeitbeschäftigung angesagt. Da kommt es schon vor, dass Steven den ganzen Tag von acht bis 18 Uhr im Waisenhaus verbringt.

Steven berichtet: „Der Aufenthalt hier bringt auf jeden Fall was. Man lernt, das Leben in Deutschland zu schätzen. Dinge, die bei uns selbstverständlich erscheinen, sind es hier nicht so. Fließend Wasser, in Deutschland für jeden Menschen das normalste auf der Welt, hab ich im meiner Gastfamilie nicht. Wie die meisten Einwohner in meiner Region hier, wird aus Eimern ,geduscht’ – mit Wasser, das aus Brunnen geschöpft werden muss.“

Was Steven in Ghana besonders beeindruckt, ist das Zusammenleben und zusammen Arbeiten zwischen Christen und Muslimen. Die Menschen lebten dort friedlich zusammen und akzeptierten den Glauben der Anderen. „Des Weiteren finde ich es sehr interessant, wie hier Beerdigungen gefeiert werden. Ein Begräbnis dauert meist drei Tage, bei einem Chief (etwa vergleichbar mit einem Bürgermeister) auch bis zu einer Woche. Und zu einer Beerdigung werden alle Menschen eingeladen, die man kennt, und es wird zusammen gegessen und getanzt zu lauter Musik. Eine Beerdigung hier ist ein riesen Fest“, erzählt Steven beeindruckt.

Auch Steven ist der Meinung, dass so ein Auslandsjahr gut überlegt sein sollte. „Weiterempfehlen würde ich es auf jeden Fall. Es ist eine Erfahrung, die dir niemand nehmen kann. Jedoch sollte man im Hinterkopf haben, dass man ein Jahr ohne Familie und sein gewohntes Umfeld lebt. Das ist nicht immer leicht und deshalb sicher nicht für jeden etwas.“



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