Ernst-Ludwig Petrowsky : Ein Güstrower als solcher …

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Ernst-Ludwig Petrowsky prägte die Jazzszene der DDR entscheidend mit /Heute feiert der gebürtige Güstrower seinen 80. Geburtstag

Auf der Visitenkarte des Jazzmusikers Ernst-Ludwig Petrowsky, den alle nur „Luten“ nennen, steht seit ewigen Zeiten „Mecklenburger/Musiker“ – in dieser Reihenfolge in einer etwas altertümlichen Schrift, was die Fachleute als „Goudy Text regular“ definieren. Kein Auftritt, in dem er sich nicht zu „seinem“ Mecklenburg bekennt. Heute wird Luten Petrowsky 80 Jahre alt.

In Güstrow kam er am 10. Dezember 1933 zur Welt. Sein Vater Friedrich handelte in ganz Norddeutschland mit Papierartikeln und Verpackungsmitteln. Auch Ernst Barlach war ein guter Kunde, später wurde Lutens Mutter eine gute Freundin Marga Böhmers, der Lebensgefährtin Ernst Barlachs. Das Wohnhaus im Tiefetal 10 war gleichzeitig Kontor. Unten waren die Büros, darüber wohnte die Familie. Mit Uwe Johnson besuchte er die John-Brinckman-Oberschule. Luten später: „Ich singe ihn unentwegt, singe ihn auch schweigend weiter, lachend und weinend, denn es gibt ihn in dieser Musik, die New York sogar aus dem Straßenpflaster atmet, den Jazz, den Uwe Johnson seltsamerweise nie erwähnte. Ich singe Uwe Johnsons Blues.“


Noten am Radio mitgeschrieben und dann nachgespielt


Nach Abschluss der Schule wurde Luten Volontär in der Firma seines Vaters, aber sein Traum war schon damals, Musiker zu werden. Mehr oder weniger „zufällig“ kam er in geschäftlichen Kontakt mit einem Saxofonhersteller. Verpackungsmittel brauchte schließlich jeder. Sein Vater verstand seine beharrlichen Winke mit diversen Zaunpfählen und unterstützte ihn beim Kauf seines ersten Saxofons. Als junger Mann nahm Luten dann zwar ein paar Monate Saxofonunterricht. Das meiste hat er sich jedoch selbst beigebracht, zu Hause, oft zum Leidwesen seiner Eltern, obwohl er die wirklich „schrägen“ Töne damals noch gar nicht kannte.

Über das Saxofon hat Luten zu seiner Profession gefunden. Als Teenager – Anfang der 1950er-Jahre – entdeckte er, dass es auch noch eine andere Musik als Klassik und seichte Unterhaltungsmusik gab. Boogie-Woogie, Swing und Bebop waren Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Jazz war die Musik der Befreier, zumindest der, die aus Amerika kamen. Sie hatten die nazideutsche Perversion besiegt, aber die Besiegten waren noch da. Jazz war die Alternative gegen die braune Ästhetik. Jazz marschierte nicht, Jazz swingte und tanzte aus der Reihe. Luten und seine Freunde versuchten, die Noten der Jazzstücke am Radio mitzuschreiben und nachzuspielen.


Start mit Eberhard Weise und Peter Schaaf in Güstrow


Anfang der 1950er-Jahre saß im Orchester des Theaters Güstrow Eberhard Weise am Klavier. Er wollte mit seinem Freund Peter Schaaf eine Jazzband gründen und hatte gehört, dass da jemand ein Saxofon besaß. Eines Tages klingelten sie bei den Petrowskys, um Luten das begehrte und damals äußerst seltene Instrument abzuschwatzen. Etwas überrascht waren sie, als der ihnen seinen Wunsch kundtat selbst mitzuspielen. Die beiden merkten, dass Luten spielen konnte und das Saxofon niemals hergeben würde. Sie engagierten ihn vom Fleck weg – der Beginn einer bis heute andauernden Freundschaft. Bald hatte das Trio ein paar kleine Auftritte in Güstrow und Umgebung, bevor Eberhard Weise eine größere Combo gründete. 1955 kam Georg Nothdorf als Bassist an das Theater Güstrow. Er gehörte bald zum Freundeskreis und spielte mit ihnen in Konzerten und Jam-Sessions. 1957, nach zwei Semestern Musikstudium in Weimar, folgte Luten Eberhard Weise nach Görlitz, um endlich Jazz spielen zu können, denn hier gab es einen jazzbegeisterten Kulturfunktionär, der sich weniger um die staats- und parteioffizielle kulturpolitische Linie scherte, als vielmehr bestrebt war, ein modernes Orchester zu etablieren. Premiere hatte die Band am 31. Juli 1957 in Peitz, das später für ein Jahrzehnt Pilgerstätte für die Fans des freien Jazz in der DDR werden sollte.


Luten braucht den direkten Kontakt zu seinem Publikum


Seitdem prägte Ernst-Ludwig Petrowsky die Jazzszene der DDR entscheidend mit – ob im Manfred Ludwig Sextett, im Studio IV, dem Jazz-Ensemble des Deutschen Demokratischen Rundfunks, oder in eigenen Formationen. Seit Anfang der 1980er-Jahre tritt er mit Uschi Brüning, seit über drei Jahrzehnten seine Frau, auf. Heute leben sie in Bohnsdorf am Rande von Berlin. 2010 haben beide den Europäischen Jazzpreis der Europäischen Kulturstiftung Pro Europa erhalten. Lutens Œuvre ist auf über 100 LPs und CDs dokumentiert. Aber auch mit 80 Jahren braucht er den direkten Kontakt zu seinem Publikum. Mit seiner Musik hat er in den USA, in Indien und ganz Europa begeistert. „Ein Güstrower als solcher …“ überschrieb er Ende der 1990er-Jahre einen Beitrag für das Buch „Güstrow – Eine Stadt wie in der Toskana“. Im Herzen ist er Mecklenburger geblieben und Musiker sowieso.

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