Striesdorf : Ein Dorf fühlt sich überrollt

Hier ziehen ab Mai Asylbewerber und Flüchtlinge ein. Der private Eigentümer lässt die Wohnungen jetzt herrichten.
Hier ziehen ab Mai Asylbewerber und Flüchtlinge ein. Der private Eigentümer lässt die Wohnungen jetzt herrichten.

Landkreis mietet 14 Wohnungen für Asylbewerber in Striesdorf / 50 Flüchtlinge kommen ab Mai in das 84-Seelen-Dorf

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07. März 2015, 06:00 Uhr

Es gibt nur ein Thema im kleinen Striesdorf: In einem Wohnblock hat der Landkreis 14 Wohnungen angemietet, in denen ab Mai Asylbewerber und Flüchtlinge untergebracht werden sollen (SVZ berichtete). Der private Vermieter hat begonnen, die Wohnungen zu renovieren und zu modernisieren. Viele Fragen haben die Striesdorfer, auch Ängste und Sorgen. „Eigentlich ist es keine Angst“, sagt Cindy Börner-Dudda und fügt hinzu: „Wir stehen aber vor einer ganz neuen Situation. Den Menschen hier wird etwas abverlangt.“ In dieser Situation fühle man sich allein gelassen. Denn: Rund 50 Asylbewerber und Flüchtlinge kommen in ein Dorf mit nur 84 Einwohnern.


Heimlichkeit befördert Unwillen


„Warum erfahren wir davon nur zufällig und tröpfchenweise?“, fragt Cindy Börner-Dudda. „Wenn etwas heimlich abläuft, entwickelt sich automatisch eine Art Gegenwehr“, denkt die Mutter. Sie wäre gern rechtzeitig informiert worden. „Ich muss und möchte zum Beispiel meine vierjährige Tochter darauf vorbereiten“, sagt die Striesdorferin. Jetzt könne sie das tun. Doch nicht der Landkreis sei mit Informationen gekommen, sondern die Striesdorfer mussten sie einfordern. Sie hatten vergangene Woche den Landrat zu einer Einwohnerversammlung eingeladen.

Den Landkreis dazu befragt, erklärte Sprecher Kay-Uwe Neumann, dass das Verfahren des Landkreises so aussehe, dass zunächst mit Bürgermeister und Gemeindevertretern gesprochen werde. Das sei geschehen. „Erst, wenn das Unterbringungsverfahren konkret wird, bieten wir Informationsveranstaltungen für die Einwohner an“, erklärt Neumann. Dieser Zeitpunkt war aus der Sicht des Landkreises noch nicht erreicht. Nach Meinung des Kreissprechers habe der private Vermieter dazu beigetragen, dass es in Striesdorf „nicht ganz glücklich gelaufen“ sei.


Die letzten sechs Mieter sollen raus


Der Vermieter tauchte im Februar mit dem Hinweis bei den Mietern des Wohnblocks auf, dass er sie kennen lernen wolle. Bei dieser Gelegenheit legte er ihnen keine Kündigung, sondern einen Aufhebungsvertrag vor. Ronny Schulz hat ihn unterschrieben. Er bewohnt eine der sechs noch belegten Wohnungen. „Ich wohne seit 27 Jahren hier im Block“, erzählt Ronny Schulz. 1800 Euro habe man ihm für seinen Auszug angeboten. Ronny Schulz ist sich noch nicht sicher, ob es bei seiner Unterschrift bleibt. Er habe sich inzwischen informiert. Es handele sich um ein Haustürgeschäft, dass er widerrufen könne. „Für Sonnabend hat sich der Makler angekündigt. Er will mit dem Geld kommen“, erzählt der Striesdorfer und will versuchen, noch etwas mehr für sich herauszuschlagen.

Unterschrieben hat erst einmal auch Martina Boje. „Für meine Tochter ist das ganz schlimm“, erzählt ihre Mutter Gerda Boje am Gartentor. „Sie hat ein behindertes Kind. Um alles unter einen Hut zu bekommen, helfen wir. Das funktioniert aber nur, wenn wir alle hier wohnen“, erklärt die 68-Jährige. „Meine Tochter fühlte sich überrumpelt“, stellt Gerda Boje fest. Nun müsse man eine Lösung suchen. Warum der Vermieter die noch verbliebenen Mieter los werden will, bleibt offen. „Ich gebe keine Auskunft“, erklärte er gestern gegenüber SVZ.

Beim Landkreis sieht man die Verfahrensweise des Vermieters kritisch. „Es erfolgt in Striesdorf eine dezentrale Unterbringung. Unser Ansinnen ist es, die Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen zu befördern“, betont Kreissprecher Neumann. Generell sei dazu das Zusammenleben der Neuankömmlinge mit anderen Bewohnern begrüßenswert.


Integration – aber wie?


„Wie soll denn hier Integration stattfinden?“, fragt Peter Amende. „Wie sollen wir paar Hanseln das denn machen?“ Die Aufregung sei groß. „Meine Eltern waren auch mal Flüchtlinge“, erzählt Bodo Weiß. Auch er stört sich an dem zahlenmäßigen Verhältnis zwischen Asylbewerbern und Einwohnern. Diffuse Ängste, die auf der Einwohnerversammlung für eine hitzige Atmosphäre gesorgt hatten, schiebt er beiseite. „Aber ich möchte nicht, dass Striesdorf womöglich für die Rechtsextremen interessant wird“, formuliert er seine Sorge.

Von „Frustration und Unverständnis“ spricht Sven Knoche. „Keiner interessiert sich für unsere Sorgen. Niemand unternimmt etwas, damit die Leute im Block wohnen bleiben können“, klagt er. Ihn ärgert es, dass ein Wohnblock durch einen „nicht einmal in MV ansässigen gewinnorientierten Geschäftsmann durch fehlende Investitionen systematisch unattraktiv gemacht wird und dann mit dem Landkreis ein Vertrag ausgehandelt wird, der auf lange Frist Gewinn“ verspreche.


Striesdorf doch sonst immer vergessen


Auch Sven Knoche fragt sich, wie in Striesdorf Integration stattfinden soll. „Es fehlt die Infrastruktur“, betont er und sieht es als „Zumutung für die Bewohner und für die Asylbewerber“. In den Schulferien fahre nur ein Bus täglich. „Was sollen die Leute hier den ganzen Tag machen?“, fragt sich Sven Knoche. „Striesdorf wird doch sonst immer vergessen“, fügt er hinzu und fragt sich, ob es nicht auch in Laage leere Wohnungen gebe.

SVZ erfuhr von Karl-Heinz Schwarz, Geschäftsführer der Laager Wohnungsgesellschaft, dass man dem Landkreis gut 20 Wohnungen für die Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtlingen in Weitendorf, Kritzkow und Liessow angeboten habe. Eine Nachfrage beim Landkreis ergab, dass das Angebot erst vor wenigen Tagen mündlich gemacht wurde.

Auf das zahlenmäßige Verhältnis von Bewohnern und Asylbewerbern in Striesdorf angesprochen, betont Kreissprecher Neumann: „In einem Flächenland muss man auch in der Fläche, dort, wo Wohnraum zur Verfügung gestellt wird, Asylbewerber unterbringen“. Man sei sich schon bewusst, dass es für die Striesdorfer „eine besondere Herausforderung“ sei. Dabei wolle man sie nicht allein lassen. Neumann kündigt für Juni/Juli eine Gesprächsrunde mit den Striesdorfern an.


Wunsch: fester Ansprechpartner


Es sei jetzt entschieden. Man habe keine Wahl. „Wir werden uns irgendwann wieder sicher und wohl fühlen, aber das müssen wir uns erarbeiten“, denkt Cindy Börner-Dudda und sieht die Striesdorfer nicht in der ausländerfeindlichen Ecke. Die Situation in dieser Welt sei so, dass Flüchtlinge auch in Deutschland aufgenommen werden müssen, sagt die Striesdorferin. „Ich habe in Hamburg mit so vielen Ausländern zusammengearbeitet. Ich habe damit kein Problem“, erklärt ihr Vater Joachim Schröder, der erst seit kurzem in Striesdorf wohnt. Und: „Ich habe viel Arbeit hier und eigene Probleme.“ „Wenigstens ist die SVZ zu uns gekommen und hat uns angehört. Danke“, sagt Cindy Börner-Dudda abschließend. Sie hätte einfach gern einen festen Ansprechpartner beim Landkreis.

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