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Güstrower Anzeiger

21. November 2017 | 02:02 Uhr

Grenzgänger : Ein Arzt ohne staatliche Grenzen

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Jürgen Buhr war 44 Jahre als Arzt tätig: 22 Jahre in der DDR, dann 22 in der Bundesrepublik / Seine Erfahrungen hielt er jetzt im Buch „Das Nächste, bitte“ fest

svz.de von
erstellt am 21.Mai.2015 | 11:45 Uhr

Die größte Verpflichtung eines Arztes ist es, der Gesellschaft und vor allem seinen Patienten zu dienen und bestmöglich zu helfen. Doch wie schwer es mitunter ist, wegen der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einen klaren Kopf für die Patienten zu bewahren, erlebte Dr. Jürgen Buhr am eigenen Leib. In seinen 44 Jahren als Internist und Diabetologe hat der Bützower 22 Jahre in der DDR und die anderen 22 Jahre in der Bundesrepublik Deutschland verbracht. Dass die beiden Systeme unterschiedlicher nicht hätten sein können, liegt auf der Hand. Ob nun aber aus ärztlicher Sicht ein System besser sei als das andere, darauf möchte sich Buhr nicht festlegen.


Bestimmt durch andere Grundsätze


„Zwänge aber auch Vorteile gab es in beiden Systemen“, sagt er. In der DDR sei beispielsweise die Arbeit oft einfacher gewesen. Vor allem auch, da die rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen er sich als Arzt bewegte, noch lockerer waren. „In der DDR handelte der Arzt rechtlich im gesellschaftlichen Auftrag zum Wohle des Einzelnen, daher galt jeglicher Eingriff als zielorientiertes Handeln im Interesse der Patienten. In der Bundesrepublik stellte (und stellt) grundsätzlich jeder ärztlicher Eingriff – von der Venenpunktion aufwärts bis zur kompliziertesten Operation – den Tatbestand einer Körperverletzung dar, der nur durch das Einverständnis des Patienten aufgehoben wird“, fasst er in seinem neuen Buch zusammen. Dafür versetzte andererseits die Wende Mediziner mit ihren neuen technischen Möglichkeiten in eine wahre Euphorie.

Wie der Autor sagt, ist die bis dato übliche Schwarz-Weiß-Malerei im Vergleich DDR und Bundesrepublik hinfällig. Mit seinem Buch „Das Nächste, bitte“ möchte er vor allem der Verklärung des Blickes auf die DDR entgegenwirken. „Es ist ja so, dass unser Gedächtnis nur die schönen Erinnerungen behält und die schlechten vergisst, aber an mancher Stelle ist das einfach nicht angebracht“, findet Jürgen Buhr. Und auch heutzutage sähen sich Ärzte mit beruflichen Zwängen wie beispielsweise dem Medikamentenbudget konfrontiert, die die Versuchung, zum eigenen Wohle statt zum Wohle des Patienten zu handeln, verstärken. Denn die Entscheidung, ob der Betroffene eine preiswertere oder kostenintensivere Behandlung/Medikamente bekommt, trifft der Arzt. Übersteigt er dabei sein Budget, muss er sich, ähnlich wie vor Gericht, dafür verantworten. „Während die, die die Preisrahmen festlegen, nie die Verantwortung übernehmen“, wie Buhr erklärt.


Erfolg trotz wilder Jugendzeit


In seinem Buch schildert der heute 72-Jährige jedoch nur stichpunktartig seine Erfahrungen. „Sonst hätte das Buch sehr selbst-exhibitionistisch und viel länger werden müssen. Das wollte ich nicht.“ Quintessenz seiner Niederschrift ist der Appell, selbst die Verantwortung zu tragen und entgegen aller Zwänge geradlinig den eigenen Weg zu verfolgen. So, wie es Jürgen Buhr selbst vormachte.

Der im Bezug auf seine Patienten überaus pflichtbewusste Arzt hat es übrigens in seiner Jugend auch des öfteren krachen lassen. „Zum Glück bin ich damit immer durchgekommen“, resümiert er, „sonst hätte Bützow mich als Arzt wohl nie gekannt.“ Eine besonders heitere Episode, an die er sich erinnert, ist eine Wanderung an der Grenze der DDR. „Dort stand das typische Schild ,Grenzbereich der DDR, Ausreise verboten!’ umringt von Stacheldraht.“ Im nahegelegenen Dorf waren Buhr und eine Gruppe von Freunden wegen einer geschlossenen Gesellschaft nicht in eine Gaststätte gekommen und hatten kurzerhand „das Schild mitgehen lassen.“ Dieses hängten sie an der Grenze neben das dort angebrachte Ausreiseverbots-Schild. Stolz, wie die Jungen damals auf ihren Scherz waren, posierten sie davor sogar noch für ein Foto. „Abends gab es dann im Ort eine Großfahndung. Alle wurde gefragt, wo sie an diesem Tag um 11 Uhr waren“, erinnert sich Buhr. Zum Glück hatten die Freunde eine plausible Ausrede und waren somit raus aus dem Kreis der Verdächtigen. Den Film mit dem Beweisfoto vernichteten sie im Anschluss.

So rebellisch wie in dieser Situation zeigte sich Jürgen Buhr auch in seinem späteren Leben und beugte sich nie dem Druck von SED und anderen Einrichtungen. Und bis heute steht er zu diesen Entscheidungen. „Ich würde im Nachhinein noch einmal alles genauso machen“, versichert er.


Auch im Ruhestand noch nicht fertig


Der gebürtige Bützower ist inzwischen seit knapp zwei Jahren in Rente und kann sich nun den Dingen widmen, „die über die Jahre liegen geblieben sind“, wie er sagt. Der komplette Rückzug aus der Medizin fällt ihm aber sichtlich schwer. „Immerhin war der Hauptarbeitsplatz mein Kopf.“ Inzwischen könne er zwar nicht mehr direkt für Patienten da sein, aber „das lebenslange Studium bleibt mir.“ Nun könne er sich mit neuen Dingen befassen. Außerdem habe er ja genug Zeit gehabt, um sich alternative Beschäftigungen für den Ruhestand aufzubauen. „Am Freitag wundert man sich auch als Rentner noch, wo die Woche geblieben ist“, sagt Jürgen Buhr und lacht.

Im September wird der Bützower auf einem Seminar der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „Entwicklung des Gesundheitswesens“ in Güstrow referieren. Der genaue Termin wird noch bekanntgegeben.

 

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