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Güstrower Anzeiger

25. November 2017 | 03:25 Uhr

Mauerfall : Die Wendeakteure an der EOS

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Am Sonntag vor 25 Jahren: „Offenes Schülerforum“ und „Offenes Lehrerforum“ an der EOS „John Brinckman“ in Güstrow

Auch an den Schulen in der Republik sorgten Lehrer und Schüler vor 25 Jahren für eine politische Wende in der DDR. Ein einschneidendes Kapitel vollzog sich am 26. Oktober, also bereits einen Tag vor der großen Güstrower Massendemonstration gegen die SED-Diktatur, an der Erweiterten Oberschule (EOS) „John Brinckman“. Lukas-Benedict Ebert, 1995 in Güstrow geboren, war seit 2008 2014 Schüler des heutigen John-Brinckman-Gymnasiums und hat in diesem Jahr sein Abitur abgelegt. Der Student an der Universität Rostock schrieb für die SVZ eine chronologische Abhandlung über das Wendegeschehen 1989 im Schulhaus am Domplatz. Unser Autor erklärt dazu: „Bereits während meines Abiturs habe ich einen Teil unserer Schulgeschichte genauer untersucht. Dabei entstand eine Hausarbeit mit dem Titel ,Der Einfluss des Staates auf die Erweiterten Oberschulen in der DDR, am Beispiel der EOS John Brinckman in den Jahren 1958-1965’. Diese von meiner Geschichts- und Sportlehrerin Birgit Kaspar betreute Arbeit liegt im Landeshauptarchiv in Schwerin, im Kreisarchiv in Güstrow und in der Uwe-Johnson-Bibliothek in Güstrow zur Einsichtnahme aus.“


Schülerdebatten auf Vollversammlung


Nachdem sich im Oktober 1989 mit den ersten großen friedlichen Demonstrationen in Leipzig die Wende vollzogen hatte, bildeten sich auch in Güstrow Bürgerbewegungen und Aktionsbündnisse gegen Unterdrückung, Überwachung und für mehr Demokratie innerhalb der Gesellschaft. Besonders an den Erweiterten Oberschulen wurde heftig über die Zukunft von Schule und Staat diskutiert, und es wurden kontrovers Meinungen kundgetan. Am 26. Oktober 1989 fand an der EOS „John Brinckman“ eine bemerkenswerte Schülervollversammlung statt. Auf dieser Versammlung richtete das „Offene Schülerforum“ seine Vorstellungen von einer demokratischen Schule an die anwesenden Lehrer, unter denen sich auch Schulleiter Kurt Lube befand. Es entwickelte sich eine kontroverse Diskussion. So forderte Jens-Christian Schewe, einer der Initiatoren dieser Veranstaltung, eine deutlichere Positionierung zum „Neuen Forum“.


Offenem Schülerforum und Lehrervertretung


Das „Offene Schülerforum“, das sich Mitte Oktober 1989 gründete, wollte nicht als Instrument der FDJ-Grundorganisation in Erscheinung treten, sondern begriff sich als eine unabhängige Vertretung der Schülerschaft. Zu den Initiatoren gehörten Dorthe Brandt, Bianca Dressler, Susanne Brandt, Cornelius Nacke, Jens-Christian Schewe, Axel Martens und Thomas Ebeling. Im Gründungsaufruf des „Offenen Schülerforums“ wurden die Beendigung der ideologischen Bevormundung an der Schule, freie Religionsausübung und Meinungsfreiheit, Transparenz und Offenheit sowie die Aussetzung der vormilitärischen Ausbildung für Jungen und Mädchen gefordert. Kunstlehrer Andreas Tessenow, der seit Oktober 1988 die SED-Grundorganisation an der EOS „John Brinckman“ leitete, unterstützte das „Offene Schülerforum“ vorbehaltlos und warb um dessen Anerkennung an der Schule. Am 30. Oktober 1989 war ein überarbeiteter Programmentwurf des „Offenen Schülerforums“ an der Schulwandzeitung zu lesen. Mehr als die Hälfte der EOS-Schüler bekundeten ihre Zustimmung zur Gründung und den Zielen des Forums durch ihre Unterschrift. Im Schulverwaltungsamt wurden diese Vorgänge als „Besonderes Vorkommnis“ behandelt.

Mitte Oktober 1989 bildete sich auch das „Offene Lehrerforum“ an der Schule. Mehrmals tagte es in der Aula der EOS, Lehrer von Schulen des Kreises Güstrow versammelten sich. Die erste „Basiskonferenz“ fand am 7. Dezember 1989 statt unter der Maxime „Nie wieder Bildung von oben“. Die Initiatoren waren vor allem Uwe Rädke, Günter Woese und Otto Edner. Das „Offene Lehrerforum“ machte mit der Aufforderung an alle Schulleiter, sich der Vertrauensfrage innerhalb ihres Kollegiums zu stellen, auf sich aufmerksam. In der Folge übernahm z.B. Ralf Breitling die Leitung der Goethe-Oberschule in Güstrow.


15 Lehrer versetzt oder in Ruhestand geschickt


Bis Dezember 1989 lösten sich die Grundorganisationen der SED und der FDJ an der EOS „John Brinckman“ auf. Zu Beginn des Jahres 1990 initiierte das „Offene Schülerforum“ die Wahl des ersten Schülerrates der Schule. Im Frühjahr wählte die zu dieser Zeit ins Leben gerufene Schulkonferenz den ersten demokratisch legitimierten Schulleiter: Helmut Hickisch. Georg Dahlmann und Andreas Tessenow wurden im Herbst 1990 zu Vertrauenslehrern der Schüler gewählt.

Im Sommer 1991 endete die Geschichte der EOS „John Brinckman“. Von den 33 Kollegen wurden zehn vom neu gebildeten John-Brinckman-Gymnasium übernommen, 15 an Regionalschulen bzw. in den Ruhestand versetzt, acht Lehrerinnen und Lehrer durften an einem der anderen Gymnasien des Kreises Güstrow weiter unterrichten.

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