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Güstrower Anzeiger

26. September 2017 | 20:22 Uhr

Ältester sportVerein : Die Turner von Friedland

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Barren, Reck oder Klettergerüst: Vor 200 Jahren ließ Lehrer Leuschner seine Schüler schwitzen – und Turnvater Jahn half dabei kräftig mit

svz.de von
erstellt am 23.Mai.2014 | 11:57 Uhr

Irgendwann sind die Maulwürfe gekommen. Sie hatten die Grünfläche zwischen Schrebergärten, Windrädern und Zuckerfabrik-Ruine zu ihrem Revier gemacht. Hügel um Hügel haben sie auf diesem Fleckchen Erde am nördlichen Stadtrand von Friedland aufgeworfen und sich durch den Boden gewühlt – durch geschichtsträchtigen Boden.

„Hier wurde vor 200 Jahren der erste Turnplatz eingerichtet“, sagt Wolfgang Barthel (78). Der Ehrenvorsitzende des TSV Friedland ist in der letzten Zeit oft auf diesem Platz. Die Maulwürfe sind längst weg. Sie haben die Wiese geräumt, als der Turnplatz schon im vergangenen Jahr wieder hergerichtet worden ist, als Schwebebalken, Barren, Klettergerüst oder Dreireck aufgestellt wurden. „Alles aus Metall. Früher waren diese Geräte aber aus Holz“, weiß Barthel. Von früher weiß Barthel viel und der ehemalige Geschichtslehrer gibt sein Wissen gerne weiter. Besonders in diesen Tagen und Wochen, in denen der TSV Friedland 1814 als Deutschlands ältester Sportverein überregionales Interesse ausgelöst hat, weil er seinen 200. Geburtstag feiert.


Als die Vorturner nach Friedland kamen


Christian Carl Ehregott Leuschner – ohne ihn hätte das Turnen in Friedland im Osten von Mecklenburg-Vorpommern nicht solch eine Tradition. Leuschner war Theologe und arbeitete als Lehrer an der Friedländer Gelehrtenschule. Die Befreiungskriege gegen das napoleonische Frankreich waren noch nicht beendet, da begann Leuschner im Mai 1814 mit den Jungen seiner Schule verschiedene Turnübungen nach dem Vorbild Jahns zu machen. Friedrich Ludwig Jahn, ein großer Anhänger der vaterländischen Bewegung, hatte bereits vier Jahre zuvor mit elf Freunden in der Hasenheide bei Berlin den geheimen Deutschen Bund zur Befreiung und Einigung Deutschlands gegründet. Mit seinen Schülern machte Jahn ausgedehnte Wanderungen, woraus sich schließlich das regelmäßige Turnen entwickelte. Jahn war es, der Leuschner bei seinem Bestreben in Friedland stark unterstützte. Er schickte ihm Vorturner und gab Ratschläge für den weiteren Ausbau desÜbungsbetriebes und die Neueinrichtung eines Turnplatzes, der im April 1815 eingeweiht werden konnte.

Drei wuchtige Eichen stehen dicht an dicht auf dem neuen alten Turnplatz. Vor zwei Jahrhunderten sind sie von den jungen Turnern in den Boden gebracht worden. Im Schatten der dichten Blätterdächer steht ein Findling zu Ehren von Leuschner. „Hier stand aber auch mal das Jahn-Denkmal, das jetzt auf dem neuen Sportplatz mitten in der Stadt einen Ehrenplatz bekommen hat“, sagt Wolfgang Barthel.

„Umziehen, aber schnell.“ Die Sportlehrerin macht ihren Grundschülern Beine. Die Schüler stehen auf der Tartanbahn, dehnen ihre Arme und Beine, dass Leuschner und Jahn ihre helle Freude gehabt hätten. Dann wirft der Nachwuchs kleine Bälle über das Gestänge eines Fußballtores. Kunstrasenplatz, Übungsgelände, Turnhalle und Skateranlage – die Sportanlage ist so modern wie gepflegt. Ideale Trainingsbedingungen für die 1005 Mitglieder in den 13 Sektionen des TSV. „Stadt, Wirtschaft und Mitglieder arbeiten hier hervorragend zusammen. Das war früher so und das ist auch heute noch so“, sagt Wolfgang Woide (77), der aktuelle Vorsitzende des TSV. Genau wie sein Amtsvorgänger Barthel und rund 150 Übungsleiter, Trainer, Fahrer, Kampf- oder Schiedsrichter ist er Ehrenamtler im Verein. Sechs Jahre lang haben sie beim TSV auf das Jubiläum hingearbeitet. Ein Jubiläum, an dem es für sie nichts zu rütteln gibt, auch wenn der Titel „Deutschlands ältester Sportverein“ angezweifelt wurde.


Wer ist älter ? Zwei Vereine im Clinch


Es war eine Sportkonferenz in Hamburg, kurz nach der Wende. Die Hamburger Turnerschaft von 1816 r.V. hatte geladen. Wolfgang Barthel stellte sich als Vorsitzender des TSV Friedland 1814 vor. Irritation, denn für die Hamburger stand und steht bis heute fest: Wir sind der älteste Sportverein der Welt. Als der Deutsche Turnerbund (DTB) 1996 sein Verzeichnis aktualisieren wollte, bekam der TSV in Friedland einen Brief. Betreff: Korrektur des Vereinsgründungsjahres des TSV Friedland. „Beim Turnerbund ist man von einem Tippfehler ausgegangen, jetzt sollten wir das korrekte Gründungsjahr des Vereins mitteilen. Aber da gab es nichts zu korrigieren“, erinnert sich Barthel. Der DTB bescheinigte danach den Friedländern, der noch älteste bestehende Turn- und Sportverein Deutschlands zu sein. Die Hamburger ließen sich daraufhin notariell beglaubigen, der älteste Sportverein der Welt zu sein. „Die Frage nach dem ältesten Verein ist für uns sekundär und eigentlich überhaupt keine Streitfrage“, sagt Barthel. Nach welchem Recht, so der Ehrenvorsitzende, solle das beurteilt werden? „Die Hamburger haben das Recht der Hansestadt Hamburg, wir hatten ein Herzogtum, wo die Gesetze ganz anders waren“, ergänzt der studierte Historiker. Für Barthel steht fest: Seit 1814 wird in Friedland geturnt und das Turnen angeboten. Und als der Turnbetrieb 1819 im Zuge der Karlsbader Beschlüsse bis 1842 in Deutschland verboten wurde, war Mecklenburg davon nicht betroffen.

Im Traditionsraum des TSV in der Gelehrtenschule ist es kühl, da die dicken Mauern die Mai-Wärme nicht hineinlassen. Ein runder Tisch in der Mitte, an den Wänden Schautafeln, auf denen die Vereinsgeschichte beschrieben steht, unter Glas ein Modell des alten Turnplatzes. In der Ecke stehen Fahnen, auf einem Sims Pokale und Siegerteller. Das beste Stück, das Gründungsbuch von 1814, wird aber im Museum aufbewahrt. Unter Verschluss. Bis 1879 haben sich alle Turner in dieses Buch eingetragen. „Auch Fritz Reuter, der drei Jahre lang in Friedland lebte“, sagt Barthel. Heute leben in Friedland rund 6200 Menschen. Im Herbst vergangenen Jahres kamen neue dazu. Ein Asylbewerberheim wurde bezogen. „Da war hier viel los“, erzählt Woide. Die Rechten wollten die Asylanten nicht, sie demonstrierten. Der Präventionsrat der Stadt machte mobil, organisierte eine Gegendemo. Viele TSVer waren dabei und die Neuankömmlinge wurden eingeladen, sich das Sportangebot des Vereins anzuschauen und auszuprobieren. „Zwei spielen heute Tennis, einige andere machen Kraftsport“, sagt Woide. „Wir sind offen für alle.“ Das ist die Regel. Die Ausnahme: Ein Trainer habe aus seiner Nähe zur rechten Szene keinen Hehl gemacht. Woide: „Wir haben ihm gesagt, dass wir keinerlei politische Propaganda im Verein dulden. Danach tauchte er hier nicht mehr auf.“

Noch bis Sonnabend wird beim TSV gefeiert. Festakt, Turngala und Spiel gegen Hansa Rostock gab’s schon. Jetzt kommt am Sonnabend noch Sportprominenz zum Sportlerstammtisch. Wolfgang Barthel will darüber hinaus auch weiterhin auf dem alten Turnplatz Schülern und Gästen die Geschichten zur Friedländer Turngeschichte erzählen. Nur die Maulwürfe, die können von ihm aus woanders wühlen.

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