In Gedenken: Helmut Schmidt in Güstrow : Die Stasi, die besetzte Stadt und ein Lutschbonbon

>13. Dezember 1981  SED-Chef Honecker (r.) schenkt Bundeskanzler Helmut Schmidt (l.) nach dessen Besuch ein Bonbon.
>13. Dezember 1981 SED-Chef Honecker (r.) schenkt Bundeskanzler Helmut Schmidt (l.) nach dessen Besuch ein Bonbon.

Helmut Schmidt war im Dezember 1981 in Güstrow zu Gast. Wir erinnern uns an den Besuch, den wohl niemand vergessen wird.

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11. November 2015, 07:45 Uhr

Plötzlich war in Güstrow nichts mehr wie sonst. Die Stasi, die Kontrollen, die Straßensperren – aus einer kleinen Stadt im Nichts wurde für drei Tage die Hauptstadt der Staatssicherheit. Bundeskanzler Helmut Schmidt besuchte die Barlach-Stadt am Dritten Advent des Jahres 1981.

Kunstliebhaber Schmidt, selbst ein Barlach-Verehrer, traf auf den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Das dritte deutsch-deutsche Gipfeltreffen. Die Bürger der DDR waren von den Sicherheitsorganen ihres Staates einiges gewohnt. Doch die Aktionen vor dem Schmidt-Besuch überstiegen die Vorstellung vieler Menschen in der 39  000-Einwohner-Stadt trotzdem bei Weitem. Von ungefähr kam die übergroße Vorsicht der Stasi nicht. Denn zehn Jahre zuvor war ein Staatsbesuch des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt mächtig schiefgegangen. Bei dem Treffen zwischen dem Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph und dem deutschen Bundeskanzler war es für die DDR-Führung zu einem politischen Großunfall gekommen. DDR-Bürger hatten Brandt zugejubelt, hatten „Willy, Willy“ skandiert. Willi Stoph – er hörte seinen Vornamen. Aber gemeint war der andere, der bundesdeutsche Willy.

So etwas sollte kein zweites Mal passieren. Dafür setzte die Staatssicherheit alle nur erdenklichen Hebel in Bewegung. „Es waren ganz schreckliche Tage“, sagt Heiko Lietz, damals Jugendpfarrer in Güstrow. Die gesamte Stadt wurde in einem Umkreis von sechs Kilometern abgeriegelt, Polizisten, Stasi-Leute und linientreue SED-Genossen hielten Straßen, Marktplatz, Häuser und Gaststätten im Stadtzentrum besetzt. Lietz wurde unter Hausarrest gestellt. „Das war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens.“ Er hatte wegen Wehrdienstverweigerung schon einmal zwei Wochen in Untersuchungshaft gesessen. Aber der Hausarrest sei eine neue, schreckliche Erfahrung gewesen.

Schmidt besuchte das Barlach-Haus in den Heidbergen, das er als Kenner natürlich sehen wollte. Dafür erhielt die löchrige Straße extra einen neuen Belag. Den gibt es noch bis heute. Schmidt besuchte den Dom, wo der „Schwebende“ hängt. Viele Geschichten wurden hinterher über die Domvisite erzählt, in ihnen kam Honnecker nicht besonders gut weg. Ein buntes Treiben auf dem Weihnachtsmarkt wurde ausschließlich von Stasi-Leuten und Parteitreuen simuliert. Die Stasi-Folklore, die Schmidt präsentiert wurde, war eine Farce. Die Güstrower Inszenierung stieß zumindest bei Honecker auf Wohlwollen. Zum Abschied reichte er Helmut Schmidt auf dem Bahnhof ein Lutschbonbon. Dieser nahm es.

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