SVZ-Serie „Min Lütt Dörp“ : Die Liebe der „Alten“ färbt auf die „Jungen“ ab

Das ist die einzige Straße im Dorf. Sie ist eine Sackgasse. Weiter geht es nur übers Feld oder auf einem Waldweg nach Neu Krassow.
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Das ist die einzige Straße im Dorf. Sie ist eine Sackgasse. Weiter geht es nur übers Feld oder auf einem Waldweg nach Neu Krassow.

Alt Krassow besteht aus acht Häusern und 18 Menschen / Anita Schwanck gehört zu Ur-Alt-Krassowern / Einwohner schätzen Ruhe und Abgeschiedenheit / Winterdienst oft ein Problem

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01. Februar 2014, 06:00 Uhr

Alt Krassow tanzt nicht aus der Reihe. Auch dieses „lütt Dörp“ wird von seinen Bewohnern geliebt, sowohl von den Alteingesessenen als auch von den Neu-Alt-Krassowern. Dabei fällt bei den Familien Schwanck und Nebowski auf, dass die Liebe der „Alten“ auf die „Jungen“ abgefärbt hat. Denn in beiden Familien sind die Kinder hier zum Teil heimisch geworden und haben gebaut. Dabei nutzten sie die günstige Konstellation, denn die Grundstücke befinden sich im Familienbesitz und damit wird das Bauen einfach preisgünstiger.


Oma und Opa Pieper zogen 1935 um


Alt-Krassower Ur-Einwohnerin ist Anita Schwanck. Die 60-Jährige war nur zur Geburt in Teterow und ein halbes Jahr in Tolzin – ansonsten immer in Alt Krassow. Und so soll es auch bleiben. „Schuld“ daran waren Oma und Opa Marie und Heinrich Pieper, die 1935 davon hörten, dass man in Mecklenburg Land kaufen kann. Anita Schwanck: „Da packten sie ihre sieben Sachen und kamen aus der Nähe von Essen ins Mecklenburgische.“ Nach dem Krieg gab es für die Familie Bodenreformland und man wirtschaftete mit Kühen, Schweinen und Pferden. Wie für viele war der Schritt in die LPG nicht freiwillig und ein negativer Einschnitt im Familienleben. Für Anita Schwanck als gelernte Gärtnerin hieß das, zuletzt in der LPG Lalendorf im Feldbau zu arbeiten. 1978/79 wurde das alte Haus abgerissen und aus dem Stall ein neues gebaut. Es blieb für Anita Schwanck dabei: „Arbeit hat immer mein Leben bestimmt. Auch jetzt, wo ich Witwenrente beziehe, habe ich mein Tun. Ich habe ein großes Haus und einen großen Hof. Als jetzt der erste Schnee fiel, da habe ich eben Schnee gefegt.“ Und Anita Schwanck hat zwei Enkelkinder in unmittelbarer Nähe: Jessica (11) und Jasmin (14). Denn der älteste Sohn Frank wohnt mit Frau Mandy auch auf dem Hof. Die anderen beiden Kinder leben in Schwerin und Rostock. Aber da Anita Schwanck Auto fährt, ist ein Besuch immer möglich. „Und telefoniert wird jeden Tag“, sagt sie. Aber natürlich genießt sie auch ihre Freizeit, in Alt Krassow bedeutet das für sie vor allem die Ruhe.


Jeder hilft dem anderen, wenn es drauf ankommt


Ähnliches erzählen Renate (60) und Arno (65) Nebowski. Sie wohnen in der einen Straße des Örtchens am Ende. Es ist wirklich ein Ende, denn weiter Richtung Neu Krassow geht es nur auf einem Waldweg, den Arno Nebowski bem jetzigen Winterwetter nicht empfehlen kann. Früher sei er allerdings frei gehalten worden, denn es sei die kürzeste Verbindung der Bauern gewesen, um ihre Milch in die Molkerei nach Rachow zu bringen, erzählt er. Die Nebowskis betonen ebenfalls, dass sie die Ruhe und Abgeschiedenheit lieben. Allerdings wenn der Winterdienst gar nicht kommt, wird das zu einem Problem. Arno Nebowski: „Aber wir wissen, dass wir uns letztlich selbst helfen müssen. Das ist in einem solch kleinen Ort nicht anders.“ Jeder lebe schon für sich, sagt der 65-Jährige. Aber jeder habe auch Freunde und es gilt: „Jeder hilft dem anderen, wenn es darauf ankommt.“

Die Nebowskis kamen nach dem Krieg aus Bessarabien nach Deutschland. Zuerst pachteten sie in Zierstorf eine Landwirtschaft, dann kauften sie sich in Alt Krassow ein. „Meine Eltern wollten sich vergrößern. Sie kauften 20 Hektar“, erzählt Arno Nebowski. Den zog es allerdings nicht auf den Bauernhof. Arno Nebowski lernte in der Zuckerfabrik Güstrow Anlagenbauer und arbeitete dort bis 1970. Dann folgte er dem Ruf der Straßenbauer. Bis 1998 arbeitete er beim Straßenbau Potsdam, danach 15 Jahre bis zum Rentenalter bei einem privaten Fuhrunternehmer. Er sagt: „Ich habe, glaube ich, an jedem Kilometer der A 19 mitgearbeitet.“ Aber Nebowski baute auch Flugplätze, in Kronskamp und Jänschwalde. „Dadurch war ich wenig in Alt Krassow, trotzdem bin ich dem Dorf treu geblieben“, betont er. 1982 baute er mit seiner Frau Renate das Haus neu. Tochter Annika lebt mit im Haus. Sohn Mike, obwohl der in Hannover als Studienrat arbeitet, baute schräg gegenüber vor 14 Jahren ein Haus. Es ist die Nummer 8. Mehr gibt es in Alt Krassow nicht. In den acht Häusern wohnen 18 Menschen – eben ein lütt Dörp.


Freiheiten, die es in der Stadt nicht gibt


Renate Nebowski als gebürtige Teterowerin möchte Alt Krassow ebenfalls nicht missen. Mit der Welt ist sie übrigens auf ganz besondere Weise verbunden: Seit 20 Jahren ist sie Zustellerin der Schweriner Volkszeitung. Als ich mit Kaffee und Keksen bei meinem Besuch bewirtet werde, liegt unsere Zeitung auf dem Tisch. Renate Nebowski schätzt ebenfalls die Ruhe und dass sie gleich im Grünen ist, wenn sie aus der Tür tritt. Ehemann Arno ergänzt: „Wir haben hier Freiheiten, die man sich in der Stadt vermutlich nicht vorstellen kann. Wenn hier mal einer mittags den Rasenmäher laufen lässt, regt sich keiner auf.“

So halten sich bei den Alt-Krassowern Ärger und Kritik in Grenzen. Das Positive überwiegt. Was der Straßenbauer Arno Nebowski aber nicht versteht ist, dass die Straße nach Tolzin in einem sehr schlechten Zustand ist. Wenn die Nebowskis darüber sprechen, erinnern sie sich immer an die Zeit ohne Telefon und nur mit der Gemeindeöffentlichen bei Heinrich Pieper sowie an ihren Kampf um eine neue Straßenbeleuchtung. Die gibt es inzwischen seit zwölf Jahren. Das nährt die Hoffnung auch auf bessere Straßen. Der Pferdepension Pieper dürfte das keine Schwierigkeiten bereiten, denn Feriengäste auf dem Rücken der Pferde brauchen keinen Asphalt, sondern freie Landschaft – und davon gibt es rund um Alt Krassow genug.


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