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Güstrower Anzeiger

16. Dezember 2017 | 23:42 Uhr

Güstrow : Der vergessene Gedenkstein

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Leser Peter Meier fordert würdevolleres Gedenken an Stalinismusopfer.

von
erstellt am 31.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Am Schloßberg steht, etwas versteckt, ein Gedenkstein. „Den Opfern stalinistischer Willkür“ lautet die Inschrift. Dieser Stein soll an das ehemalige Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes GPU/NKWD erinnern; heute beherbergt das Haus eine Seniorenresidenz. Der Güstrower Peter Meier weist in einem Leserbrief darauf hin und erinnert an politische Güstrower Prozesse nach Kriegsende, bei dem 81 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren wegen angeblicher Werwolfbeziehungen inhaftiert, in Arbeitslager gesteckt, fünf von ihnen zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. „Meines Erachtens sollte die Stadt Güstrow den Gedenkstein sichtbar und gepflegt am Schloßberg platzieren“, schreibt Peter Meier, den gegenwärtigen Zustand kritisierend.

Rückblick: Fünf Jahre ist es her, dass es schon einmal eine Initiative in Peter Meiers Sinn gab. Der damalige Stadtvertreter Peter Hoff griff eine solche Anregung des Vereins Politische Memoriale auf. Der wiederum war vom gebürtigen Bützower Benno Prieß, einem der Opfer der damaligen Prozesse, angestoßen worden. Schnell herrschte Einhelligkeit bei den verschiedensten Akteuren. Die Güstrower Feuerwehr, weil zehn der 1946 zu Unrecht verurteilten Jugendlichen Mitglieder der Feuerwehr waren, sagte Unterstützung zu. Lars Wutschke, Besitzer der Immobilie, erklärte sich mit einer angemessenen, kleinen Gedenkstätte an der Stelle einverstanden. Peter Hoff hat in Zusammenarbeit mit dem Künstler Henning Spitzer eine Entwurfszeichnung als Vorschlag angefertigt – das wurde bei einem Vorortgespräch Beteiligter akzeptiert. Der Kulturausschuss schließlich regte eine Aufnahme des Vorhabens in den städtischen Doppeletat 2016/17 an. Sogar ein Wunschtermin der Fertigstellung kursierte bereits: der 11. September 2016, als sich zum 70. Mal der Tag jährte, an dem die zehn Güstrower Feuerwehrjungs, alles Gymnasialschüler, zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurden.

Alle waren dafür. Der 11. September 2016 ist vorbei. Getan hat sich nichts, wie Peter Meier feststellen muss. Die Umstände dafür mögen unglücklich sein. Benno Prieß ist Anfang 2015 nach langem und schwerem Leiden gestorben. Im Verein Politische Memoriale wechselte erst der engagierte Bearbeiter in ein anderes Ressort, dann die generelle Zuständigkeit für solche Gedenkstätten. Erst hieß es in die Landeszentrale für politische Bildung, dort sei das Thema aber „nicht aufgeschlagen“, heißt es. Bekannt sei aber, dass die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Mithilfe angeboten habe. Dort war diese Woche keine Aussage dazu möglich. Bei der Güstrower Feuerwehr wechselte zwischenzeitlich die Führung, und im aktuellen Etat der Stadt ist eine Position zu diesem Gedenkstein nicht zu finden.

Peter Hoff selbst schied 2014 alters- und gesundheitsbedingt aus der aktiven Kommunalpolitik aus. „Ich hab’s aufgegeben“, sagt der 79-Jährige heute resignierend. „Jedesmal, wenn ich an der Stelle vorbei gehe, hab’ ich ein schlechtes Gewissen.“ Froh sei er, dass es wenigstens noch mit der neu gestalteten Gedenkstätte in der Neukruger Straße geklappt habe. Hoff appelliert: „Wir brauchen ein Denkmal am ehemaligen Gefängnis unbedingt.“

Hannes Möller, früher in Güstrow und heute im Land oberster Feuerwehrmann, stimmt zu: „Gerade auch für junge Leute, denen ja die Vorstellungskraft vom damaligen Geschehen fehlt, finde ich es wichtig, dass so etwas nicht in Vergessenheit gerät.“ Seniorenresidenz-Inhaber Lars Wutschke sagt ebenfalls, er stehe weiter zu seiner Zusage. Gibt es also vielleicht doch eine Chance für ein angemessenes Erinnern an die Geschehnisse? Hans-Georg Kleinschmidt, Vorsitzender des federführenden Kulturausschusses, will das Gedenken gleich nächste Woche, auf der ersten Sitzung nach der Sommerpause, zum Thema machen. „Wir müssen uns eingestehen, dass wir das wohl verpassst haben. Vielleicht kriegen wir das ja in den nächsten Haushalt mit rein.“

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