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Leichtathletik: U18-WM : Das zweite Vize-Weltmeisterstück

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Mit einem artigen Knicks verließ Henning Prüfer den Diskusring. Sein Dank an die große deutsche Kolonie, die sich in der Wurfkurve des RSC-Olympiyski-Stadion von Donetsk versammelt hatte.

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erstellt am 15.Jul.2013 | 06:55 Uhr

Donetsk/Güstrow | Mit einem artigen Knicks verließ Henning Prüfer den Diskusring. Sein Dank an die große deutsche Kolonie, die sich in der Wurfkurve des RSC-Olympiyski-Stadion von Donetsk versammelt hatte. Frenetisch feuerten nicht nur Deutsche, sondern auch Südafrikaner, Chinesen und selbst die Australier den Güstrower für seinen letzten Versuch an - dem letzten der Konkurrenz bei der Jugend-Weltmeisterschaft. Sein Diskus kracht jedoch ins Gebälk des Fangnetzes. Keine Sekunde hielt sich der Hauch von Enttäuschung, danach brachen alle Jubel-Dämme. Wohl jeder in der Kurve wollte den frisch gebackenen Doppel-Vizeweltmeister vom SC Neubrandenburg herzen. Der hatte 75 Minuten lang dem neuen Weltmeister, dem hoch favorisierten Australier Matthew Denny, einen großen Kampf geliefert - und sich mit dem zweiten Silber bei dieser WM belohnt.

"Angekündigt" hatte Henning Prüfer das schon vor einem halben Jahr, als er in einem Interview vom Kampf um zwei WM-Medaillen sprach, eine davon sollte möglichst eine goldene werden. Auch gleich nach seinem Silber mit der Kugel am Mittwochabend in Donetsk hatte er versprochen: "Die Konkurrenz ist stark, aber ich will angreifen." Im Diskuswettbewerb am Sonnabend, dem vorletzten Tag der Welttitelkämpfe, fehlte ihm jedoch sein kongenialer Vereinspartner Patrick Müller. Vor dem neuen Kugelstoßweltmeister, der ein ebenso exzellenter Scheibenwerfer ist, bekam der aktuell zweitbeste Deutsche, Tony Zeuke, den Vorzug der WM-Nominierung.

Deutschen Fans gefriert das Blut - doch im Dritten packt’s Henning

Als ob das eine Rolle spielen würde, ließ Henning in der Qualifikation die deutsche Delegation Zittern. Erster Versuch: übertreten. Zweiter Versuch: übertreten! Beide Male mochte der Sportgymnasiast das gar nicht glauben, diskutierte er mit den Kampfrichtern. Man ahnte, was er später bestätigte: "Ich hab das echt nicht bemerkt." Waren die wettkampffreien Mitglieder der deutschen Delegation auf den Rängen nach dem ersten Versuch nur leicht unruhig, so ließ sich ihre Fassungslosigkeit vor dem drohenden Ausscheiden ihres Gefährten jetzt förmlich greifen. Ein letztes gutes Zureden von Franka Dietzsch, die die deutschen Diskuswerfer in Donetsk betreute - dann ging es in den dritten, letzten Versuch. 58 Meter waren zu übertreffen, eine Weite, die Henning in diesem Jahr immer übertroffen hat. Und der 17-Jährige bewies einmal mehr seine schier unglaubliche Nervenstärke, stieg in den Ring und warf wie selbstverständlich, mit der linken Ferse wieder bedrohlich über der Ringbegrenzung tänzelnd, 59,54 Meter. Großes Aufatmen im ganzen rot-gekleideten Lager der Deutschen auf den Rängen. Was den Fans bei 30 Grad das Blut gefrieren ließ, bemerkte Henning scheinbar cool: "Ich war mir ziemlich sicher, dass es dann halt im dritten Versuch klappt. Die Technik habe ich dafür etwas umgestellt."

Wie bitter ein Kurzzeitauftritt bei solch einem Ereignis sein kann, musste Tony Zeuke erleben. Als Fünfter der Weltjahresbesten mit Medaillenambitionen nach Donetsk gefahren, wurde der Sachse ein Opfer seiner Nerven: Dreimal schmetterte der 64-Meter-Werfer sein Sportgerät ins Fangnetz - das Aus. Da blieb Franka Dietzsch, die in ihrer langen Karriere selbst bei Olympia solch einen bitteren Moment durchlebt hatte, nur noch die Kunst des Tröstens.

Entschlossen den Favoriten zu Bestleistung herausgefordert

Als um 18.40 Uhr die Finalisten des Diskuswettbewerbs im Stadion vorgestellt werden, schaltet Henning auf Angriffsmodus. Entschlossenheit und hohe Konzentration liegen auf seinem Gesicht. Auch die Trainerin zeigt sich mit dem Nachmittag ihres Schützlings zufrieden und ist optimistisch: "Er hat sich gut erholt, wirkt jetzt viel frischer als heute Vormittag und hat beim Warmup gut gearbeitet." Das kann nicht jeder Athlet von sich sagen. Der Litauer Domantas Poska etwa, der in diesem Jahr schon über 66 Meter warf und damit Zweitbester ist, eröffnet den Wettbewerb mit ganz schlaffen 54,85m. Der Ungar Bence Halasz, der Pole Bartlomiej Stoj bleiben ungültig, steigern sich zum Ende auf 60,73 bzw. 60,74m. Henning als Sechster im Ring: Weit fliegt die Scheibe in den sich dunkelnden Donetsker Himmel, ein Urschrei und die bekannte Prüfer-Faust: 65,62 Meter - die zweitbeste Weite eines 17-jährigen deutschen Diskuswerfers, die nur Henning selbst bei seinem deutschen Rekord (65,87m) schon mal übertraf! Direkt nach dem Güstrower geht Matthew Denny in den Ring und schließt seinen Versuch ebenfalls mit seiner typischen Jubelpose ab - aber die Scheibe landet "schon" bei 64,63m. Nur der Chinese Yulong Cheng kann einigermaßen mithalten, steigert im Wettkampfverlauf seine Bestleistung auf 62,29m, was am Ende Bronze bedeutet. Sein Landsmann Liangyu Chen bleibt mit 61,11m etwas unter seinen Möglichkeiten.

Im zweiten und dritten Durchgang ändert sich an der Reihenfolge nichts. Im Gegenteil: Der Australier, mit 67,28m als hoher Favorit nach Donetsk gekommen, zeigt sich verunsichert, wirft ungültig bzw. schiebt die Scheibe viel zu flach raus auf gerade mal 59 Meter, während Henning 64,35m folgen lässt und einen weiteren guten Sechziger ungültig macht. Für den Kroaten Martin Markovic, der mit Poska nach den Vorwerten als Einziger noch in den Zweikampf um Gold eingreifen könnte, kommt es ganz dick: mit 56,52m Endkampf verpasst. Poska erreicht den als Achter (57,81m) gerade so.

Der Australier indes bekommt sich für einen, den vierten Wurf, doch noch in den Griff und katapultiert förmlich die 1,5-kg-Scheibe auf seine persönliche Bestweite von 67,54 m! Henning, als Führender jetzt direkt nach dem bisher Zweiten dran, kann das nicht mehr kontern. Doch nach einem ungültigen folgt mit 63,35m wieder ein klasse Wurf. Im sechsten Versuch alles riskierend, fehlt ihm ein Tick Geduld, lässt er die Scheibe um den Moment eines Augenzwinkerns zu früh los - und deren Flug endet im Fangnetz.

"Man merkte Henning an, dass die Tage Spuren hinterlassen", sagte Franka Dietzsch nach dem silbernen Ende des Dramas mit Erleichterung. Nach der Betreuerin vor Ort und den zahllosen Beifallsbekundungen direkt am Diskusring waren sein Potsdamer Trainer Jörg Schulte und dessen Vorgänger Torsten Schmidt vom SC Neubrandenburg und namens des LAC Mühl Rosin Sabine Beutling die ersten SMS-Gratulanten für den im LAC groß gewordenen Doppel-Vizeweltmeister. Dass er von einem mit einem Wurf Besseren geschlagen wurde, erkannte Henning an: "Vor allem Matthews Technik ist schon irre gut." Wer Prüfer kennt, weiß: Er wird daran arbeiten. Nächstes Jahr gibt es schließlich die Revanche - dann in der U20.

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