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Güstrower Anzeiger

13. Dezember 2017 | 16:07 Uhr

Ostukraine : „Das ist richtiger Krieg“

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Der Serrahner Heinz Nitzsche berichtet aus der umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol / „Den Menschen geht es sehr schlecht“

von
erstellt am 10.Sep.2014 | 06:00 Uhr

Martina und Heinz Nitzsche sind verzweifelt – ihren Mut verlieren sie aber nicht. Seit dem Jahr 2001 arbeitet das Ehepaar aus Serrahn wohltätig in der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol (SVZ berichtete). Hier helfen sie Straßenkindern, haben ein Hospiz aufgebaut und betreuen eine Psychiatriestation. Doch jetzt droht ihrem Lebenswerk die Zerstörung, denn die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol steht mittlerweile im Zentrum der Kämpfe in der Ostukraine. „Die Situation ist sehr gefährlich. Das ist richtiger Krieg“, sagt Heinz Nitzsche. Er weiß es aus eigenem Erleben. Denn trotz der Gefahr war er vor 14 Tagen wieder in der Stadt mit einer halben Million Einwohnern, um Kriegsflüchtlinge, unter ihnen viele Kindern, zu versorgen. „Doch dann wurde die Stadt abgeriegelt, weil die Russen wieder über die Grenze gekommen sind. Schießereien an allen Ecken. Wir sind gerade noch raus gekommen“, berichtet er.


Jeden Tag in Kontakt mit Mariupol


Heinz Nitzsche kennt Land, Menschen und die Stadt Mariupol seit Jahrzehnten. Und er ist davon überzeugt, dass es sich um russische Soldaten und nicht nur um die so genannten Separatisten in der Ostukraine handelt. „Das bestätigen auch unsere 15 Mitarbeiter vor Ort“, sagt er. Mariupol ist nur 60 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. „Unsere Mitarbeiter, aber auch alle Einwohner sind sehr aufgeregt und angespannt.“ Erst gestern telefonierte er wieder mit Mariupol. „Es hat an einigen Ecken geknallt, aber sonst war es ruhig. Trotzdem geht es den Menschen sehr schlecht“, haben ihm seine Mitarbeiter berichtet. Nitzsche hat zudem das Gefühl, dass die Bewohner von Mariupol die Separatisten ablehnen.

Die Not in der umkämpften Stadt ist groß. Deshalb reisten er und seine Frau vor 14 Tagen auch wieder nach Mariupol. „Wir müssen uns doch um unsere Mitarbeiter kümmern, sie für ihre Arbeit bezahlen. Eine Überweisung ist mit zu unsicher. Zudem haben wir wieder zahlreiche Hilfsgüter mitgenommen“, berichtet Heinz Nitzsche. Doch schon nach drei Tagen mussten sie ihren Aufenthalt wegen der Kämpfe abbrechen. „Es war beängstigend.“ Dennoch wollen seine Frau und er so schnell wie möglich wieder in die Ostukraine – die bedrängten Menschen liegen ihnen am Herzen.

„Wir müssen uns unbedingt um die zahlreichen Flüchtlinge kümmern, die erst wegen der Kämpfe in Donetzk nach Mariupol und jetzt auch nach Kiew geflohen sind“, sagt Nitzsche. In den nächsten 14 Tagen will er einen Lastwagen mit Hilfsgütern von Serrahn nach Kiew schicken. „Ich treffe gerade alle Vorbereitungen.“ Der Lastwagen soll mit 30 Krankenbetten, 400 Kartons voll Kleidung sowie Tischen und Stühlen beladen werden.

Unterdessen wird die vereinbarte Waffenruhe in der Ukraine immer wieder gebrochen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko besuchte am Montag überraschend Mariupol. „Wir werden alles tun, damit Frieden herrscht, doch wir werden uns auf die Verteidigung unseres Landes vorbereiten“, sagte er vor Arbeitern in der umkämpften Hafenstadt. Vor Verkündung der Waffenruhe hatten ukrainische Regierungstruppen ihre Stellungen dort verstärkt, als moskautreue Kämpfer mit gepanzerten Fahrzeugen auf die Stadt vorrückten.


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