Frauenschutzhaus Güstrow : „Brauchen Fachkraft mit Sprachkenntnis“

Können sich im Umgang mit Migrantinnen oft nur mit Wörterbüchern behelfen: Ronja Kohlschmidt (l.) und Karin Wien.
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Können sich im Umgang mit Migrantinnen oft nur mit Wörterbüchern behelfen: Ronja Kohlschmidt (l.) und Karin Wien.

Interview zum Thema Migrantinnen im Frauenschutzhaus.

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07. Februar 2018, 21:00 Uhr

Die Barlachstadt will das Güstrower Frauenschutzhaus finanziell stärker unterstützen, aus dem Landkreis gibt es erste Signale. Nur das Land als dritter Partner beharrt auf seinen Gehaltszuschuss, der aus dem Jahr 2004 stammt. Dabei müsse das Land unbedingt auch mit ins Boot, sagt Stadtvertreter Gerhard Jacob (Freie Wähler Güstrow) mit Verweis auf einen steigenden Anteil Schutz suchender Frauen mit Migrationshintergrund. SVZ-Redakteur Eckhard Rosentreter sprach mit Karin Wien, Leiterin des Frauenschutzhauses, und Sozialarbeiterin Ronja Kohlschmidt, zwei der drei Mitarbeiterinnen.

Können Sie die Aussage von Herrn Jacob bestätigen?

Karin Wien: Nicht immer mehr steigend, aber seit 2014 ist der Anteil von Migrantinnen erheblich gestiegen. Sowohl bei den Frauen als auch bei ihren Kindern ist es rund die Hälfte unserer Bewohnerinnen geworden.

Ronja Kohlschmidt: 2016 war der absolute Höhepunkt mit 22 ausländischen Frauen von 38 insgesamt. Das hat sich 2017 etwas beruhigt. Im Januar 2018 waren es jeweils genau die Hälfte Frauen und Kinder mit Migrationshintergrund.

Wien: Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich so einpegeln wird.

Aus welchen Ländern kommen diese Frauen und Kinder?

Wien: Im Moment fast ausschließlich aus Syrien. Vorher auch aus dem Irak, aus Afrika, viele aus Tschetschenien, auch russische Frauen sind dabei.

Welche spezifischen Probleme kommen mit diesen Frauen und ihren Kindern auf Sie zu?

Wien: An erster Stelle die Kommunikation. Wir können uns ein bisschen mit der englischen Sprache behelfen…

Kohlschmidt: …das geht aber nur bei den afrikanischen Frauen, die haben zum größten Teil Englisch-Kenntnisse. Aber bei den syrischen Frauen geht das kaum.

Und wie verständigen Sie sich dann mit diesen Bewohnerinnen?

Wien: Mit Händen und Füßen. Mit Bilderbüchern. Und oft auch mit einem Google-Übersetzer. Doch ob am anderen Ende das Arabische auch richtig ankommt – wir wissen das nicht. Und umgekehrt, also vom Arabischen ins Deutsche, ist das noch komplizierter.

Mitunter können die Kinder helfen, wenn es um ein einfaches Gespräch geht. Aber nicht als Dolmetscher und schon gar nicht beim Thema häusliche Gewalt.

Kohlschmidt: Oft kommen sie mit dem Handy und rufen jemanden an, angeblich Freunde, Bekannte. Dabei wissen wir gar nicht, wer das überhaupt ist und ob derjenige wirklich richtig übersetzt.

Wien: …das ist aber eine Frage der Sicherheit!

Abgesehen mal von der einfachen Verständigung: Wie ist da denn eine fachliche Betreuung und Beratung möglich? Zu Ihnen kommen doch Frauen und Kinder, die traumatische Erlebnisse in vielfacher Form hinter sich haben, denen nach Krieg und Flucht dann auch noch in der Familie Leid angetan wird…

Wien: Das ist wirklich das große Problem! Deshalb ist es eine große Erleichterung für uns, dass wir seit Dezember 2017 zwei Praktikantinnen mit gutem Schulenglisch haben. Eine von ihnen spricht wegen ihrer eigenen Herkunft auch sehr gut Arabisch. Sie kommen einmal die Woche zu unserer Hausversammlung mit den Bewohnerinnen und übersetzen in beide Richtungen. In Einzelgesprächen helfen sie dann auch beim Ausfüllen von notwendigen Formularen.

Kohlschmidt: Aber was wir brauchten, wäre auch eine tiefer gehende fachliche Beratung. Das können die beiden natürlich nicht, weil sie nicht den dafür nötigen Qualifizierungshintergrund haben. Dabei merken wir, dass unsere Praktikantinnen in den Gesprächen selbst emotional stark belastet werden.

Wien: Dann müssen wir uns die Zeit nehmen und auch mit ihnen sprechen.

Wie kann da dem Frauenhaus geholfen werden?

Kohlschmidt: Wir brauchen eigentlich eine fachlich qualifizierte Dolmetscherin…

Wien: …und zwar zu jeder Zeit, immer! Wenn zum Beispiel eine syrische Frau vor der Tür steht, die deutlich macht, dass sie ein großes Problem hat, können wir oft nicht sofort helfen. Gerade in der spontanen, emotional hoch geladenen Situation ist das aber notwendig. Da braucht es eine Fachkraft, die die Gefährdungssituation erfasst und geeignete Maßnahmen einleiten kann.

Kohlschmidt: Das geht weiter bei der Hausordnung, beim Klarmachen unserer Regeln, zum Beispiel um die Anonymität des Hauses zu sichern. Frauen, die unsere Sprache nicht kennen, brauchen viel mehr Unterstützung durch uns. Einer deutschen Frau sagen wir zum Beispiel, wo ein Arzt ist, und dann geht sie los. Eine syrische Frau muss begleitet werden. Das kostet Zeit, die woanders eingespart werden muss. Aber wo? Da fallen zuerst die Kinder hinten runter…

Ein Stichwort. Wie gehen Sie mit den Kindern und Jugendlichen um, die aus fremden Ländern stammen?

Wien: Genau, das ist ein weiteres Problem für uns. Wir brauchen unbedingt auch eine Kinder- und Jugendberaterin, wie es das Frauenhaus in Rostock hat. Denn die meisten von häuslicher Gewalt bedrohten Frauen kommen ja mit Kindern.

Kohlschmidt: Und die brauchen eine besondere, speziell auf ihre kindlichen Bedürfnisse eingehende Fürsorge, eine ganz andere Ansprache, andere Freizeitangebote. Und sie wollen ernst genommen werden. Das brauchen aber alle Kinder, die zu uns kommen, nicht nur die ausländischen.

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