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Ursachenforschung : Brände in Güstrower Altstadt erhitzen die Gemüter

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Warum ist es eigentlich so schwierig die Täter zu ermitteln?

von
erstellt am 10.Mär.2017 | 05:10 Uhr

Sie reichen von „warm saniert“ über „da will wohl jemand die Familie los werden“ bis hin zu „interessant, dass es in Güstrow immer die ausländischen Geschäfte trifft“, die Mutmaßungen zum Brand in der Güstrower Altstadt in der Nacht auf den 11. Februar. Mutmaßungen, die jeder Grundlage entbehren, denn einen Tatverdächtigen gibt es bislang nicht. Nur dass die Polizei weiterhin wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung ermittelt scheint klar.

Doch warum ist es für die Beamten häufig so schwierig, die Täter zu ermitteln? „Das liegt in der Natur der Sache. Bei einem Brand werden meist alle Spuren vernichtet“, erklärt Peter Balschmiter, Leiter des Fachbereichs Polizei an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in Güstrow. In den 1990er-Jahren hat Balschmiter selbst Brände ermittelt. Bevor er vor knapp zwei Jahren an die Fachhochschule kam, leitete er die Kriminalpolizeiinspektion in Stralsund. „Brände sind oftmals begleitet von einer großen Zerstörung. Es ist schwierig Spuren zu finden, die etwas über die Identität des Täters aussagen“, erklärt der Experte. Die Brandursache lasse sich hingegen oftmals – abhängig vom Brandobjekt – schneller eingrenzen. „Daher sind wir auf Zeugen angewiesen“, appelliert Peter Balschmiter.

Aus der Analyse der Personenbewegung können mitunter Rückschlüsse zu möglichen Motiven oder Tätern gezogen werden. „Im Grunde ist das wie bei jeder anderen Ermittlung auch“, sagt Balschmiter. Nur 48,2 Prozent der Branddelikte in MV konnten 2015 tatsächlich aufgeklärt werden. „Dazu muss man aber auch wissen , dass Branddelikte nur einen sehr kleinen Teil der Straftaten ausmachen“, sagt Balschmiter. 711 von insgesamt 117 261 Delikten sind Branddelikte, so die Statistik.


Datenbank gibt Anstöße für die Praxis


„Die Wirkung in der Öffentlichkeit ist aber um einiges größer. Brände haben ein hohes Gefährdungspotenzial. Die Verunsicherung ist groß – insbesondere, wenn es, wie in Güstrow, mehrfach brennt“, fügt Dr. Holger Roll, Professor am Fachbereich Polizei der Fachhochschule, hinzu. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört das „Brandstifter-Informations- und Analysesystem“ (Bias) – eine Forschungsdatenbank mit deren Hilfe Merkmalsraster von Brandstiftungen und Täterprofile herausgearbeitet werden können.

Seinen Ursprung hat Bias Anfang der 2000er-Jahre. Damals wurde in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und MV eine Projektgruppe ins Leben gerufen. „Die Bundesländer mit den höchsten Pro-Kopf-Zahlen an Bränden im gesamten Bundesgebiet – auch heute noch“, macht Holger Roll deutlich. Die Grundlage der Datenbank bilden anonymisierte Daten aus staatsanwaltlichen Strafakten zu Branddelikten. „Diese können mit aktuellen Fällen verglichen werden und das lässt anhand von Wahrscheinlichkeiten einen Analogieschluss zu“, stellt Roll vereinfacht dar. „Wir nutzen die Datenbank auch zur wissenschaftlichen Beratung. Dienststellen wenden sich mit aktuellen Fällen an uns und wir gleichen ab“, sagt Holger Roll. Auch andere Bundesländer haben von diesem Angebot bereits profitiert. „Die Ergebnisse dienen dazu, den Untersuchungen eine Zielrichtung zu geben – eine gute Verbindung zwischen Theorie und Praxis“, ergänzt Peter Balschmiter.

Seit 2005 ist die Forschungsdatenbank fest in der Hand der Güstrower Fachhochschule. Viele Abschlussarbeiten lieferten seither neue Erkenntnisse. „Im Moment sind wir dabei die Datenbank zu aktualisieren“, informiert Holger Roll. Neue Deliktbereiche wie Anschläge auf Flüchtlingsheime und Asylunterkünfte oder neue Formen der Tatbegehung – zum Beispiel im Bereich der Kfz-Brände – machen dies notwendig. Aus der excelbasierten Datenbank soll mit Unterstützung der Hochschule Wismar ein praktisches Rechercheinstrument werden. „Im September soll das theoretische Gerüst für die neue Datenbank stehen“, sagt Roll. Dann werden auch andere Bundesländer mit ins Boot geholt. Dass Bias irgendwann auch in der Praxis von Brandermittlern genutzt werden könne, sei zu wünschen, stehe aber derzeit noch in den Sternen, macht Holger Roll deutlich.

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