Zum Kriegsende vor 70 Jahren : Bomben auf Bahnhof Priemerburg

Der alte Bahnhof Priemerburg wurde bei dem Bombenangriff vor 70 Jahren komplett zerstört.  Repro: Ulrich Schirow
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Der alte Bahnhof Priemerburg wurde bei dem Bombenangriff vor 70 Jahren komplett zerstört. Repro: Ulrich Schirow

Heute genau vor 70 Jahren: Bombenangriff auf Güstrow-Priemerburg / Zeitzeuge Günter Rusbült schreibt über seine Erinnerungen

svz.de von
07. April 2015, 04:00 Uhr

Genau heute vor 70 Jahren, am 7. April 1945, gab es einen verheerenden alliierten Bombenangriff auf Güstrow-Priemerburg. Augenzeuge in dieser Endphase des Zweiten Weltkriegs war der damals 15-jährige Güstrower Günter Rusbült, der heute in der SVZ in einem Zeitzeugenbericht an dieses schreckliche Ereignis erinnert. „Ich nehme an, dass ich einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen bin“, sagt der 85-Jährige, der heute in Berlin lebt. Mit seinem Bericht möchte er einen Beitrag gegen das Vergessen leisten. Wie viele Menschen bei dem Angriff getötet wurden, ist umstritten. Genau Zahlen gibt es nicht. Historiker gehen jedoch von bis zu 80 Toten aus.

Seit dem 1. April 1944 war ich beim Bahnhof Laage bei der Deutschen Reichsbahn in der Lehre. Am 7. April 1945, es war ein Sonnabend, hatte ich meine Arbeit gegen Mittag beendet und konnte mit einem Güterzug nach Güstrow mitfahren. Der Personenzugverkehr war in diesen letzten Kriegswochen bereits sehr eingeschränkt. Am Bahnhof Priemerburg sollte ich abgesetzt werden, denn von hieraus waren es nur fünf Minuten bis zu meinem Elternhaus – dem Chausseehaus nahe dem Flugplatz Bockhorst. Mein Vater war als Soldat in Dänemark, meine Mutter also alleine zu Hause.


Bedrohlicher Anblick der Bomber


Unser Güterzug näherte sich über Plaaz dem damals noch existierenden Bahnhof Glasewitz. Wir hatten unterwegs schon vom Fliegeralarm gehört. In Glasewitz stand der Bahnhofsvorsteher und hielt uns an. Er deutete mit der Hand nach oben und zeigte auf anfliegende Bomber. Es waren offenbar Amerikaner, denn Engländer kamen nachts. In diesem Augenblick sprangen unsere Rangierer vom Güterzug ab. Sie riefen: „Seht dort! Jetzt werfen sie Bomben!“ Ich vergesse nicht den bedrohlichen Anblick, wie sich die Bombenflugzeuge in geordneter Formation und in großer Zahl näherten. Die jahrelange Angst vor Bombenangriffen wurde nun in Sekundenschnelle zur tödlichen Gefahr.

Wir liefen in den Wald und warfen uns in einen Graben. Schon begann ein ungeheures Getöse. Die Erde zitterte. Ich glaubte, dass die Bomben in unmittelbarer Nähe einschlugen. Es waren aber in Wirklichkeit drei bis vier Kilometer, wo die Bomben fielen. Wir hatten Angst, dass unser Güterzug zum Ziel werden könnte, weil unsere Lok große Mengen weißen Dampf ausblies. Uns geschah aber nichts. Ich weiß nicht mehr, wie lange das Bombardement gedauert hat. Mir kam es unendlich lang vor. Was war nun eigentlich geschehen? Bei Priemerburg gab es eine Munitionsfabrik, ein Heereszeugamt und den Flugplatz Bockhorst, wo auch mein Elternhaus war. Ich war völlig verzweifelt, machte mir Sorgen um meine Mutter.


Große Angst um die Mutter


Nachdem keine Bomben mehr fielen versammelten wir uns auf dem Bahnsteig. Wir hörten, dass es den Bahnhof Priemerburg ganz schön erwischt habe. Wir fuhren zur Abzweigstelle Glasewitzer Burg vor. Dort hatte ich keine Ruhe mehr und rannte auf dem Gleis nach Priemerburg bis zur Straßenüberführung. Von dort konnte ich sehen, dass unser Chausseehaus noch stand. Aber vom Bahnhof Priemerburg loderten hohe Flammen. Die Gleise standen steil in die Luft. Ich lief, was ich konnte, nach Hause.

In der Tür stand meine Mutter, die den Angriff im Keller des Hauses voller Schrecken überlebt hatte. Unser Dach war beschädigt, auch Fenster und Türen. Unsere Katze lag unversehrt mit ihren Jungen im Schuppen, obwohl in wenigen Metern Entfernung vom Haus 13 Bombentrichter von der grausigen Gefahr kündeten.


Am Bahnsteig lagen mehrere Tote


Auf der Straße und im Wald herrschte aufgeregtes Hin und Her. Ein Barackenlager der Hitlerjugend, welches auf halbem Weg zum Bahnhof Priemerburg lag, war von den Bomben total zerfetzt worden. Bettgestelle und Stofffetzen hingen in den Bäumen. Auf dem Weg zum Bahnhof lagen vor der Brücke zu den Bahnsteigen mehrere Tote in Arbeitskleidung. Sie musste es beim Umsteigen erwischt haben. Einen traurigen Anblick bot auch das Bahnhofsgebäude. Das schöne Fachwerkhaus war ausgebrannt. Morgens um 5.27 Uhr war ich von hier noch nach Laage gefahren. Nun hatte ein Volltreffer den hinteren Teil und die Wohnung des Bahnhofsvorstehers zerstört. Er und seine Familie waren aber während des Angriffs nicht zu Hause.

Die Bahnanlagen waren sehr stark zerstört. Überall waren Gleise und Signale durch Bombentreffer beschädigt. Weichen konnten nicht bedient werden, Block- und Stellwerksanlagen waren durch Brand zerstört. Ich stand fassungslos vor „meinem“ Bahnhof. Deprimiert ging ich nach Hause. Da gab mir meine Mutter einen Brief: meine Einberufung zum Militärdienst. Ich zeigte den Brief dem Dachdecker, der die Schäden an unserem Haus beseitigen sollte. Es war Hans Warnke, der spätere Bürgermeister von Güstrow und noch spätere Innenminister von Mecklenburg. Er sagte zu mir: „Min Jung, datt häst Du gor nich krägen, gah dor bloß nich hänn!“ Ich verdanke dem Kommunisten Warnke, dass das Naziregime mich in den letzten Kriegstagen nicht noch verheizen konnte. Ich ging zum Bahnhof Priemerburg und half, den Betrieb behelfsmäßig wieder in Gang zu bringen. Damals war ich 15 Jahre. Nach mehr als 46 Jahren Dienstzeit ging ich bei der Bahn in den Ruhestand. Heute bin ich 85 Jahre alt.

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