Güstrows Ehrenbürgerin : Bleibende Erinnerungen

Musikalisches Talent und Lebensfreude pur: Slata Kowalewskaja bei Gründung ihres „Freundeskreises“
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Musikalisches Talent und Lebensfreude pur: Slata Kowalewskaja bei Gründung ihres „Freundeskreises“

Beate Krüger vom „Freundeskreis Slata Kowalewskaja“ schildert Begegnungen mit Güstrows gestorbener Ehrenbürgerin.

svz.de von
22. März 2016, 21:00 Uhr

Als mich die Nachricht erreichte, dass Slata Kowalewskaja am 3. März für immer entschlafen ist, holte ich mein großes Album heraus und betrachtete die vielen Bilder und Momentaufnahmen unserer tiefen, langjährigen Freundschaft mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Mit 92 Jahren hat sie ein hohes Alter erreicht und konnte einen harmonischen und abwechslungsreichen Lebensabend genießen. Freundschaften in Güstrow, Einladungen zum Neujahresempfang und zu anderen Höhepunkten der Stadt haben dazu immer wieder beigetragen.

Ich machte die Bekanntschaft von Slata Kowalewskaja zu den Feierlichkeiten um den 8. Mai 1985 herum. Eine Woche war sie Gast in Güstrow und der damalige Bürgermeister Wolfgang Wilhelm bat mich, den Ehrengast während seines Aufenthaltes zu begleiten und zu betreuen. Es war eine sagenhaft harmonische Woche mit der gutaussehenden, natürlichen Frau, und der Abschied fiel uns beiden schwer. Offiziell war Slata die charmante, gebildete und zutiefst moralische Frau, die eine stille Würde ausstrahlte. Bei jedem Gespräch bemerkte ich, dass sie an das Gute im Menschen glaubte.

Unter Lebensgefahr sich für Güstrow eingesetzt

Bei allen Ehrungen, die ‚Slata’, wie sie nur noch genannt wurde, in dieser Woche erfuhr, entging mir doch nicht, dass ihr Gemüt voller Traurigkeit war. Sie offenbarte mir den Grund: die Scheidung von ihrem Ehemann, den sie an eine Güstrowerin verloren hatte – ausgerechnet. Doch in diesen Tagen sollte sie mit großer Freude Klaus Sorgenicht wieder begegnen, nach Beendigung des Krieges erster Bürgermeister in Güstrow und ihre damalige große Liebe. Die Ukrainerin vertraute mir an, dass sie als Zwangsarbeiterin – so die viele Jahre offizielle Lesart – mit ihrem Säugling Karin nach Güstrow kam, als sie schon vom Kindsvater, deutscher Soldat, getrennt war. Dessen Eltern jedoch wohnten in der Kerstingstraße, und sie suchte einen Zufluchtsort in jener kriegerischen Zeit.

Bei der Familie von Propst Klein am Markt 25 fand sie diesen Zufluchtsort, dort diente Slata als Hausmädchen, immer gut behandelt, wie sie betonte. Als Slata von Hauptmann Beltz kurz vor Kriegsende gebeten wurde, als Dolmetscherin die Entscheidung der kampflosen Übergabe der Stadt Güstrow zu überbringen, zögerte sie keine Sekunde, mit ihrem Beitrag das sinnlose Morden zu beenden und die Zerstörung der Stadt Güstrow zu verhindern. Ob der gerade 21-Jährigen die besondere Gefahr bewusst war, der sie sich dabei aussetzte, als freiwillig im faschistischen Deutschland lebende Sowjetbürgerin der Roten Armee gegenüberzutreten?

Zu gerne wäre sie nach dem Krieg bei ihrer großen Liebe geblieben, aber ein Antrag von Klaus Sorgenicht an Walter Ulbricht um Bleiberecht für die Ukrainerin in der DDR wurde abgelehnt: Die Sowjetbürgerin musste zurück nach Charkow. Ihre kleine Tochter starb auf dem langen und beschwerlichen Heimweg.

Wie ihr Leben dann weiterging, erfuhr ich in stillen Stunden am Rande öffentlichen Trubels. Nach ihrer Rückkehr in die Ukraine studierte sie und war in Charkow neun Jahre Lehrerin für russische Sprache und Literatur. Anschließend schrieb sie in Kiew 20 Jahre am Institut für Kybernetik für eine wissenschaftliche Computerzeitschrift. 1982 nahm Slata in Berlin eine Stelle am Zentralinstitut für Kybernetik an.

„Freundeskreis“ half bei jährlichen Kuren

1989 fand sie in Berlin ihre endgültige Bleibe und arbeitete, obwohl längst im Rentenalter, im Berliner Schauspielhaus als Platzanweiserin und Programmverkäufern. Diese Arbeit, verbunden mit dem Erleben klassischer Musik, gab ihrem Leben neuen Sinn.

Fortan besuchte sie Güstrow regelmäßig, das ihr 1997 die Ehrenbürgerwürde verlieh. Als ich Slata 1999 und 2001 nach schweren Stürzen half, wieder „auf die Beine zu kommen“, entstand die Idee, ihr mit einer Genesungskur zu helfen. Die Stadt Güstrow unterstützte bei dieser Initiative. Im August 2005 gründete sich in meinem Garten der „Freundeskreis Slata Kowalewskaja“. Alljährlich fanden wir Freunde uns mit Slata zu Benefizkonzerten in der Villa Italia zusammen. Mit den Einnahmen, mit Privatspenden wie von Angelika Schmiegelow-Powell und Anke Götz aus Amerika sowie Güstrower Freunden und Sponsoren wie die Stadt, AWG und die Rehaklinik Lohmen konnte bis 2011 jedes Jahr ein dreiwöchiger Kuraufenthalt finanziert werden, ehe Slata wegen fortschreitender Demenz zur Pflege in eine Berliner Senioren-Wohngemeinschaft zog.

Eine besondere, bleibende Erinnerung an Slata und ihre mutige Tat 1945 hat das ZDF mit seiner Reportage „Slata Kowalewskaja, die Retterin von Güstrow“ am 10. Mai 2009 im Frauenmagazin „Mona Lisa“ ausgestrahlt. Viele Güstrower haben die DVD, und der ein oder andere wird sie in diesen Tagen wieder angeschaut haben.

Liebenswert war Slatas Lebensfreude, ihre Bescheidenheit, ihre Dankbarkeit und ihre emotionale Ausgeglichenheit. Wenn Slata sprach, sprach sie mit dem Herzen, berührend und ehrlich. Slata Kowalewskaja hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
 

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