Güstrower Stiftung hat Schreiben aufgearbeitet : Barlachs intime Liebesbriefe

<strong>Faksimilierte Briefe</strong>, wie sie Herausgeberin  Inge Tessenow präsentiert,  zieren den Brief-Band.
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Faksimilierte Briefe, wie sie Herausgeberin Inge Tessenow präsentiert, zieren den Brief-Band.

Es war eine ungewöhnliche Partnerschaft. Als Marga Böhmer in das Leben von Ernst Barlach trat, war der anerkannte Bildhauer schon 56 Jahre alt. Die kultivierte, junge Frau war 38, Bildhauerin - und verheiratet.

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04. Juli 2012, 05:35 Uhr

Es war eine innige Liebesbeziehung, eine ungewöhnliche Partnerschaft, die von gemeinsamen künstlerischen Ambitionen geprägt war. Als Marga Böhmer in das Leben von Ernst Barlach trat, war der anerkannte Bildhauer schon 56 Jahre alt. Die kultivierte, junge Frau war 38, Bildhauerin - und verheiratet.

Über die Liebesgeschichte von Ernst Barlach und Marga Böhmer berichtet die Ausstellung "Freude heißt die starke Feder", die heute in der Ernst-Barlach-Gedenkstätte in Güstrow eröffnet wird. Anhand von Briefen, Notizen und Fotos erzählt sie von einer tiefen Verbindung, die zwei sensible Menschen miteinander auch durch schwierige Zeiten trug.

Ernst Barlach und die Frauen ist ein schwieriges Kapitel. In seinem Leben war dem eigenbrötlerischen strengen Künstler wenig Glück vergönnt. Seine Jugendliebe durfte er nicht heiraten. In Berlin trennte er sich später von der Frau, die ihm einen Sohn geboren hatte, und erstritt das Sorgerecht. Erst im Alter trifft er die Richtige. "Süßer Jeter", nennt er sie. "Leise spüre ich mich an Dein Herz heran."

Die Barlach Stiftung in Güstrow, die fast 95 Prozent aller Barlach-Handschriften besitzt, hat die 67 Briefe an Marga Böhmer wissenschaftlich aufgearbeitet. Wie der Geschäftsführer der Stiftung, Dr. Volker Probst, betont, ist damit eine kleine Sensation gelungen. "Noch nie zuvor konnten wir dem Künstler so intim, so menschlich begegnen. Seine Briefe an Marga zeugen von Fürsorge, Zuneigung, inniger Verbundenheit."

Barlach war 1910 nach Güstrow gezogen und plante den Bau eines Wohn- und Atelierhauses am Inselsee. Marga Böhmer, 1887 in Stolberg im Harz geboren, heiratete 1917 den Kunsthändler Bernhard A. Böhmer. Das junge Paar zog zunächst nach Schwaan, dann nach Güstrow. Und hier kreuzten sich 1924 die Wege zweier verwandter Seelen. Die Bildhauerin wurde Barlachs engste Mitarbeiterin.

"Und Barlach hat sich in sie verliebt", erzählt Inge Tessenow, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedenkstätte. Sie hat die Briefe und Postkarten mit großer Akribie transkribiert und wissenschaftlich aufgearbeitet für die Publikation. "Barlach schrieb in Sütterlin, er hatte eine Reihe von Besonderheiten, Eigenheiten, die zu beachten waren." Das Buch "Ernst Barlach - Marga Böhmer - Briefe" ist eine bibliophile Kostbarkeit geworden, in der Ausstattung ebenso wie in den umfangreichen wissenschaftlichen Erläuterungen. Zahlreiche Fotos, Faksimiles, bibliographische Anmerkungen machen es für Barlach-Freunde zu einer wahren Fundgrube.

Marga Böhmer war eine gütige, humorvolle Person, die das eigene Schaffen ganz zurückstellte, betont Inge Tessenow. Sie widmete sich der Realisierung von Barlachs Werken. In jenen Jahren entstanden in rascher Folge die großen Ehrenmale. 1922 wurde in Kiel die "Schmerzensmutter" aufgestellt. "Der Schwebende" wurde 1927 im Güstrower Dom eingeweiht, im Jahr darauf der "Geistkämpfer" in Kiel.

Seit 1927, nach der Scheidung von Bernhard A. Böhmer, lebte Marga in wilder Ehe mit Ernst Barlach in der Böhmer-Wohnung, Bernhard Böhmer zog mit seiner neuen Frau in das Atelierhaus am Heidberg. Argwöhnisch beobachteten die braven Güstrower Bürger die Verhältnisse. "Im Heidberg ist Krach, der Nachbar zwischen uns und dem Hexenhaus hat gesagt, er hätte als Nachbarschaft rechts ein Hurenhaus und links einen Puff", schreibt Barlach 1928 an seinen Bruder Hans.

Barlach starb 1938, erschöpft und deprimiert von den Drangsalierungen eines Regimes, das seine Kunst als "entartet" eingestuft hatte. "Der Beharrlichkeit von Marga Böhmer ist es zu verdanken, dass die DDR-Führung es 1952 zugelassen hat, aus der Gertrudenkapelle eine Gedenkstätte für Barlach zu machen. Bis zu ihrem Tod am 25. März 1969 betreute Marga Böhmer als Kustodin die Ausstellung in der Kapelle", so Dr. Probst. Er erinnert an ihre beschwerlichen Lebensumstände: "Dort wohnte sie im zugigen Dachgeschoss. Im Winter war es kalt, es fehlte an Kohle und Holz." Immerhin fand Marga Böhmer in Friedrich Schult, dem Güstrower Freund Barlachs, eine starken Verbündeten. Es gelang ihnen, den Nachlass zusammenzuhalten, das Erbe Barlachs zu bewahren.

Service:

Die Ausstellung "Freude heißt die starke Feder" ist bis zum 23. September täglich von 10 bis 17 Uhr in der Güstrower Barlach-Gedenkstätte zu sehen.

Der Bildband "Ernst Barlach - Marga Böhmer - Briefe" ist dort für 25 Euro zu haben.

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