Musik in Güstrow : Bambusflötenchor lebt wieder auf

Mehr und mehr Bambusflötenspieler finden sich in den Gemeinderäumen der Pfarrkirche zusammen.
Mehr und mehr Bambusflötenspieler finden sich in den Gemeinderäumen der Pfarrkirche zusammen.

Nach Gründung 1942 nun unter Leitung von Birgit Schaub wieder aktiv. Nachwuchsspieler gern gesehen

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19. März 2016, 05:00 Uhr

Es erklingt ein Choral – mit einem kaum nachzuahmenden Klang, denn hier wird auf Bambusflöten gespielt. Einmal im Monat treffen sich unter der Leitung von Birgit Schaub etwa 15 musikliebende Menschen. Die 45-Jährige hält seit zwei Jahren die Gruppe der Bambusflötenspieler zusammen.

Nur eine der noch heute zusammen Musizierenden hat die Gründung der Bambusflötengruppe am 6. Januar 1942 selbst miterlebt. Das ist Ilse Russow. Damals wurden mit Musiklehrerin Charlotte Schulz erstmals Flöten gebaut und darauf gespielt. Charlotte Schulz hatte in Jena studiert und an vielen Orten in Deutschland bis dahin Weiterbildungen im Bambusflötenspiel durchgeführt. Als die Lehrerin in Güstrow kriegsdienstverpflichtet wurde, arbeitet sie halbtags im Finanzamt, pflegte ihren Vater und kümmerte sich um junge Chormitglieder, die auf der Bambusflöte spielten.

„Sie hatte einen straffen Knoten, der ihr krauses Haar zusammen hielt und immer eine Brottasche um“, erinnern sich die Damen, die damals als Kinder von Charlotte Schulz im Flötenspiel angeleitet wurden. Zuerst habe sich jeder eine Flöte selbst herstellen müssen. War kein Bambus vorhanden, nahm man einfach Sonneblumenrohr. Da das Spiel auf der Bambusflöte nach Zahlen unterschiedlicher Farben erfolgt, ist es recht schnell erlernbar. Ein Ton nach dem anderen wurde erlernt bis man alle Stufenzahlen vier- und fünfstimmig spielen konnte. Bis heute werden Bambusflöten per Hand hergestellt.

Auch Sieglinde Wintzer gehörte damals zu den Flötenschülern. „Sie hat uns Rhythmik beigebracht und biblische Geschichten mit Laienspiel untermalt. Diese Laienspiele hat sie alle selbst geschrieben“, erinnert sie sich. Jedes Jahr habe die Musiklehrerin ein Musik-Lager organisiert, bei dem die Teilnehmer morgens mit Flötenklängen geweckt wurden. Auf dem Boden einer Pfarrscheune wurde geschlafen. Und schließlich spielten sie unter anderem bei Bauern vor, um etwas zu essen zu bekommen. Charlotte Schulz hat in ihrer Arbeit eine Nische gefunden. Denn kirchliche Jugendarbeit war zur Zeit des Nationalsozialismus verboten, aber Kirchenmusik nicht.

Ilse Russow, die heute auch noch dabei ist, hat damals oft gekocht. „Nach 1948 waren wir 250 Leute im Chor“, erzählt die heute 83-Jährige. Dabei haben sich viele Aktivitäten um den Bambusflötenchor gedreht. Beispielsweise sind sie am Morgen des ersten Advents mit ihrer Leiterin singend durch die Stadt gezogen. „Bis es die Polizei verboten hat“, sagen die, die es miterlebt haben. Die Kinder haben nicht nur zusammen musiziert. Viele andere Aktionen wurden von Charlotte Schulz angeregt. „Wir haben den Heidberg kennen gelernt, Blumen gesammelt und gepresst“, berichtet Wibke Diehl aus Mühl Rosin. Ein Höhepunkt war auch 1956 eine Fahrt zu Auftritten in den „Westen“.

Irgendwann hatten sich viele der Gruppe aus den Augen verloren, weil jeder seinen Weg in eine andere Richtung einschlug. Einige wenige trafen sich bei Ilse Russow in der Wohnung. Doch zum 60. Chorgeburtstag ergriff Sieglinde Wintzer die Initiative, sie suchte nach ehemaligen Mitglieder. Zu diesem Jubiläum waren zahlreiche Gäste gekommen, auch aus dem Ausland. Das war für sie Grund genug, sich weiterhin regelmäßig zu treffen. Die Wohnung wurde bald zu eng, denn immer mehr kamen dazu. So hielten sie Ausschau nach jemandem, der die Leitung der Gruppe übernehmen könnte.

Birgit Schaub wurde 2012 gefragt, ob sie sich dies vorstellen könnte. „Wenn ich das mache, dann muss ich auch eine Ausbildung dafür absolvieren“, sagte die zweifache Mutter aus Güstrow. Zwei Jahre setzte sie sich in Berlin auf die Schulbank und ist nun Bambusflötenbauerin und -lehrerin. Nun treffen sich die Mitglieder regelmäßig in den Gemeinderäumen der Pfarrkirche, wo Charlotte Schulz einst die Arbeit begonnen hat. Für alle ist es eine gute Sache. „Ich freue mich immer sehr darauf. Die Musik ist einfach schön“, sagt Gerda Magholder, die immer aus Bad Kleinen anreist. Und immer noch finden ehemalige Mitglieder den Weg zur Gruppe, wie Edgar Heldt. Mehr zufällig erfuhr er, dass sich die Bambusflötenspieler wieder treffen und kommt seitdem dazu. „Wir möchten auch gern wieder regelmäßig Auftritte im Gottesdienst planen“, erzählt Birgit Schaub. So wird wohl bald wieder etwas zu hören sein, von der Gruppe, die vor nunmehr 74 Jahren in Güstrow ihren Ursprung fand. Die Bambusflötenspieler freue sich weiterhin über Nachwuchs. Termine finden Interessierte im Kirchen-Boten.

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