Güstrow : Bätschi! Kindergärtner wird Kanzler

Besonders effektive Intransparenz: Damit vor der Wahl keiner die Leichen im Rathaus sieht, ließ Güstrows Bürgermeister einfach das ganze Haus verhüllen. Hat geklappt – Arne Schuldt darf durchregieren.
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Besonders effektive Intransparenz: Damit vor der Wahl keiner die Leichen im Rathaus sieht, ließ Güstrows Bürgermeister einfach das ganze Haus verhüllen. Hat geklappt – Arne Schuldt darf durchregieren.

Die transparente Lokalpolitik mit einem etwas launigen Jahres-Rückblick auf die Schippe genommen.

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30. Dezember 2017, 12:00 Uhr

Ham’se schon gehört: Ein Kindergärtner aus Kobrow wird Kanzler! Das sei eine Verwechslung – ein Kanzler wird Kindergärtner? Wie jetzt? Deshalb also das ganze Berliner Verwirrspiel um die Regierungsbildung: Geheimniskrämerei! In Kobrow jedenfalls entstand die Verwirrung, weil niemandem gleich der Vorname einfiel. Und im Amt, wo man den nach Bewerbungsmappeneingängen, Gesprächen und Vergabe der Leitungsstelle für die Kita natürlich wusste, wurde nichts verraten. „Datenschutz!“, so heißt der moderne Keuschheitsgürtel in deutschen Amtsstuben. Und in Berlin weiß keiner, wie es weitergehen soll. Oder denken die etwa, der andre, äh André Kanzler sitzt ja noch in Kobrow?

So verständlich für manchen Geheimniskrämer in Gemeindevertretung und -verwaltung, so notwendig für manchen Betroffenen, so lästig für die Journaille – so grotesk können die Regeln sein. Beispiel Torsten Schumann, der kein Stadtvertreter ist. Aber der Mann ist im Güstrower Bau- und Verkehrsausschuss ein so genannter berufener Bürger, manchmal auch als sachkundige bezeichnet. Als solcher darf er in seinem Ausschuss auch eine nicht-öffentliche Beschlussvorlage lesen und diskutieren, verreißen und zerreißen, als Kröte schlucken… und sogar über diese abstimmen. Doch nur einen Tag später, wenn Schumann als interessierter Vertreter des Behindertenbeirates den Sozialausschuss besucht, passiert ihm dies: Der Ausschuss unterbricht seinen öffentlichen Sitzungsteil, weil er über eben diese Vorlage sprechen will, die am Vorabend schon (mit Schumann) den Bauausschuss passierte – und schickt den Schumann vor die Türe! Dem Sozialausschuss gehört der nämlich nicht an, also darf er nix hören von dem Thema, über das er tags zuvor schon mal abgestimmt hat, und hat da erst recht nix zu sagen.

Transparenz – auch in Krakow am See ein Problemfeld. Dort gibt es keine Beschlussvorlagen, keine Anträge, die von Stadtvertretern oder Fraktionen gestellt werden. Immer taucht als Verfasser ein Mitglied der Amtsverwaltung auf. Durchblick in der Interessenlage? Fehlanzeige!


Alles geht seinen soz. Gang

„Der Prozess wird im Rahmen der entsprechenden Gesetzesvorschriften und Verordnungen fortgeführt.“ Ein geiler Satz! Das wollen wir doch wohl hoffen! Immer wieder zwickt es Journalisten, wenn sie Antworten solcherart bekommen. Nur mal ein Beispiel in diesem Jahr waren sogenannte Behörden„auskünfte“ zur Brandruine in der Gleviner Straße 3. Klingt gerade so wie: „Alles geht seinen sozialistischen Gang.“ Genau! Wie stand es da noch um Presse- und Informationsfreiheit? Da fröstelt’s einen…

Und dann war noch dies: Der Landkreis gibt jetzt eine eigene Zeitung heraus. Da kann man sich so schön loben, ohne dass einem gleich die Journaille in die Parade fährt. Viel wichtiger darin: die Müllabfuhrtermine. Also: Aufheben! Oder doch schon weggeschmissen? Pech gehabt, der traditionelle Abfallkalender kommt nicht mehr – bätschi! Dies aber hier nur am Rande. Wie heißt doch gleich das Blatt? „Rostocker Kreisblatt“ – wieso, weiß keiner. Haben die Speckgürtelundmöchtegernrostocker im Kreistag halt mal so entschieden. Wessen „Rostocker“ und wessen „Kreis“blatt eigentlich? Selbst Präsidentin Ilka Lochners verzweifeltes Ringen um ein sinnvolleres Abstimmungsergebnis half nix. Dabei hätte es doch einfach „Hier spricht der Landrat!“ heißen können. Warum nicht? Es wird ja wohl nichts drin stehen, was der nicht absegnet. Oder kann sich jemand vorstellen, dass der Kreissprecher da mal seinen Chef durch den Kakao zieht? Gefeuert, bätschi! Oder ein Bürger etwa mit einem Leserbrief? Sozialleistungen gekürzt, bätschi!

Machen andere auch so. Die Stadtwerke als großzügiger Gönner haben ja auch einem gesponserten Verein was von der wertvollen Kohle wieder abgeknöpft (Kohle übrigens, die die Einwohner und Firmen mit ihrem Strom, Gas, Wasser, Scheiße… ach die liefern ja wir und nicht umgekehrt…). Und das nur, weil sein Name nicht in der Zeitung stand, angeblich. Aber die SVZ hat natürlich gelogen: Nicht e i n e m Verein ging das so, wie fälschlich berichtet, nö. Weil ein Sportberichterstatter (für einen anderen gesponserten Verein) als Leserbriefschreiber auch mal kritische Anmerkungen zum großherzigen Förderer machte, zitierte Big Boss die Vereinsführung zu sich – und zack!, war ein Teil der Kohle auch da weg. Kein Einzelfall also, aber hoch lebe die Presse- und Meinungsfreiheit!

Ach, wäre doch ein Kindergärtner Kanzler, vielleicht wird dann ja alles besser.

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