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Erster Weltkrieg : Ausländer festgesetzt und zur Zwangsarbeit verpflichtet

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Der Erste Weltkrieg und Güstrow / SVZ-Serie zur 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns von Edwin Kuna / Teil 3: Zivilgefangene

von
erstellt am 09.Aug.2014 | 10:46 Uhr

Mit Kriegsbeginn wurden die deutschen Grenzen in Ost und West sofort geschlossen. Ausländern gelang es kaum noch Deutschland zu verlassen, insbesondere den französischen, russischen und englischen Staatsbürgern. Sie wurden nun mit Kriegsbeginn festgesetzt und viele von ihnen zu Zivilgefangenen gemacht.

Umgekehrt erging es den Deutschen in Frankreich, Russland und England oder unterwegs nach der Heimat ebenso. So das Beispiel des Güstrower Kapitäns G. J. Tarnow. Er begab sich am 15. August 1914 mit einigen Hundert anderen Deutschen und Österreichern mit der „Potsdam“ der Holland-Amerika-Linie von New York auf die Heimfahrt nach Rotterdam. Im Kanal stoppte ein englisches Kriegsschiff den Dampfer, untersuchte die transportierten Waren und nahm 375 deutsche und österreichische Fahrgäste in Zivilgefangenschaft auf die englische Insel. Neben Kapitän Tarnow waren darunter vier weitere Mecklenburger aus Schwerin, Wismar und Neubrandenburg.

Im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin betraf die Festsetzung der Ausländer vor allem russische Staatsbürger: Handelsreisende, Schiffsbesatzungen, Badegäste, Studenten, Künstler und Gastarbeiter von russischen Firmen in Nord- und Nordostdeutschland. Aus diesen Leuten wurden arbeitsfähige Kräfte ausgesondert, interniert und zu Zwangsarbeit verpflichtet. Den anderen Teil (insbesondere wohlhabende Badegäste, ältere Personen, Frauen, Kinder) schob man über Stralsund, Sassnitz, Schweden und Finnland nach Russland ab. Oder man ließ den Personen unter 14 Jahren oder im Alter von über 46 Jahren die Ausreise frei und warnte dabei vor „hohen Kosten“. Für die festgesetzten „russischen Untertanen“ entstanden Anfang August in Altdamm bei Stettin (6000 Personen) und Ruhleben bei Spandau die größten zivilen Internierungslager.

Zivilgefangene konnten als zusätzliche Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und in Handwerks- und Industriebetriebe, auch für kommunale Bauvorhaben eingesetzt werden. Auf diese Weise sollten teilweise fehlende Männer an der Heimatfront ersetzt werden. Für die russischen und russisch-polnischen Zivilisten bedeutete Zwangsarbeit jede Arbeit annehmen zu müssen, gegen eine geringe Entlohnung zum eigenen Lebensunterhalt und unter strenger militärischer Bewachung. Die Zuckerfabrik Güstrow beschäftigte im Herbst 1914 zur Rübenkampagne mehrere zivile Zwangsarbeiter, um die Lücke der fehlenden Arbeiter zu schließen.


Persönliche Freiheit der Schnitter begrenzt


Die größte Anzahl der Zivilgefangenen rekrutierte sich aber aus den seit Frühjahr in Mecklenburg arbeitenden landwirtschaftlichen Schnittern aus Russland und Russisch-Polen. Zunächst blieben ihre im Frühjahr, also noch zu Friedenszeit, abgeschlossenen Arbeitsverträge bestehen. Doch die persönlichen Freiheiten wurden sofort eingeschränkt, das hieß: Jeder Ortswechsel wurde verboten und freie Bahnfahrt versagt, damit auch keiner sich in Richtung Osten oder nach Schweden absetzen konnte.

Anfangs brachten die „Schnitter“ große Unruhe in die Bevölkerung. Von Ausschreitungen auf den umliegenden Gütern oder Brandstiftungen war die Rede, was sich jedoch hinterher meist als Gerücht aufklärte. Überhaupt hatten es Leute aus Staaten, mit denen das Kaiserreich Krieg führte, in diesen Kriegstagen sehr schwer. Denn da waren Gerüchte in Umlauf gebracht worden, die Panik verursachten. Da hieß es z. B. in Güstrow, dass im Norden Russen mit Autos unterwegs waren, um deutsches Gold nach Russland zu verschleppen. Fast jeder Ausländer aus „Feindesland“, aus Russland, England und Frankreich, galt unversehens als potenzieller Spion, Saboteur, Attentäter usw.

Die Stadt Güstrow entschied sich für eine Bürgerwehr, beschloss deren Bildung auf der 1. Kriegssitzung von Magistrat und Bürgerausschuss am 8. August 1914. Mit einer Stärke von 80 Mann, eingeteilt in zehn Zügen, und 80 Reserven, sollte die Bürgerwehr ihren Wachdienst „besonders auf das platte Land ausdehnen“.

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