Vereine in der Region : Aus Verlegenheit zum Erfolg

Zum 20. Heimatfest hatten Vereinsmitglieder Szenen der Flucht der Wolhynier aus dem Warthegau nach Linstow nachgestellt.
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Zum 20. Heimatfest hatten Vereinsmitglieder Szenen der Flucht der Wolhynier aus dem Warthegau nach Linstow nachgestellt.

Heimatverein Linstow ist Träger und Betreiber des Wolhynier-Umsiedlermuseums

svz.de von
15. Juni 2015, 06:00 Uhr

Eigentlich war der Heimatverein Linstow eine Verlegenheitslösung. Am 6. August 1993 wurde in der Gemeinde das Wolhynier-Umsiedlermuseum eröffnet. „Wir hatten ein Museum, aber keinen Träger und keinen Betreiber“, erinnert sich Johannes Herbst, damals Bürgermeister in Linstow, heute Vorsitzender des über 80 Mitglieder starken Vereins. Einen Monat später, im September 1993, wurde der Heimatverein gegründet, der sich fortan um das Museum kümmern sollte.

Aber die Menschen, die damals auf dem Museumshof zusammenkamen, wollten mehr als nur Verwalter und Betreiber einer musealen Einrichtung sein. „Über 30 Einwohner des Dorfes, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Linstow gekommen waren, hatten sich versammelt. Es war ungemein bewegend. Viele konnten endlich über ihr schweres Schicksal, das sie und ihre Familien erlitten hatten, sprechen. Manche hatten Tränen in den Augen“, erinnert sich Herbst noch glasklar. Der aus der Not gegründete Heimatverein wurde ihnen eine echte Heimat.

Wie kaum eine andere Gruppe hatte es die Wolhyniendeutschen, die in der polnisch-ukrainischen Grenzregion Wolhynien gesiedelt hatten, schlimm getroffen. Innerhalb von 30 Jahren verloren sie im vergangenen Jahrhundert dreimal ihre Heimat, wurden vertrieben, zwangsumgesiedelt, mussten flüchten. „1915 verfügte der Zar Nikolaus II. die Deportation der Wolhyniendeutschen nach Sibirien. Nach ihrer Rückkehr wurden sie als Folge des Hitler-Stalin-Paktes 1939 erneut umgesiedelt, dieses Mal in den Warthegau. Und als die Rote Armee vorrückte, flüchteten sie gen Westen“, fasst Herbst die Geschichte kurz zusammen. 73 Familien verschlug es damals nach Mecklenburg.


Umsiedlerhof ist Herzstück des Museums


Im Freilandmuseum, dessen Herzstück ein 1947 in traditioneller Bauweise errichteter Umsiedlerhof ist, werden Sitten, Bräuche und Lebensweise der Wolhynier gezeigt. Die Vereinsmitglieder hegen und pflegen das Anwesen nach Kräften. Drei- bis viermal im Jahr kommen sie zu Arbeitseinsätzen zusammen. „Dazu treffen sich immer über 30 Menschen, auch Leute, die nicht Vereinsmitglieder sind oder von weit her kommen“, berichtet Herbst. Aktivposten sind Ernst Reimann, der in Wolhynien geboren wurde und mit seiner „Garmoschka“, einer russischen Variante des Knopfakkordeons, so manches Fest begleitet. Oder Erika Werner, die die Büroarbeit erledigt, auf dem Hof aushilft und „Mädchen für alles ist“, wie Herbst sagt. Oder Rosi Voigt aus Dobbin, die Gartenarbeit leistet und den besten Kuchen der Region backt. Oder Otto Friske, der bei Oranienburg lebt, aber immer zur Stelle ist, wenn es in Linstow etwas zu tun gibt.


Aus der Geschichte lernen


Von Anfang an wollte der Heimatverein mehr als nur nostalgische Erinnerungsarbeit leisten. „Das Schicksal der Wolhynier ist prädestiniert, Geschichte anschaulich zu vermitteln und daraus zu lernen“, sagt Herbst. So befragten Krakower Schüler Zeitzeugen innerhalb des bundesweiten Projektes „Zeitensprünge“, lösten Grundschüler aus dem benachbarten Hohen Wangelin Umweltaufgaben oder führten Malchower Gymnasiasten ein Seminar zur wolhynischen Geschichte durch. Seit Jahren treffen sich Lehramtsstudenten aus Rostock und dem polnischen Krakau zum Gedankenaustausch in Linstow. Zum 20. Museumsfest 2012 wurde die Publikation „Wolhynien – Linstow. Erinnerungen für die Zukunft“ neu aufgelegt. Wie überhaupt die auf das erste Septemberwochenende terminierten Museumsfeste Höhepunkte im Vereinsleben sind. In diesem Jahr wird zur 23. Auflage des Heimatfestes vom 4. bis 6. September an die Vertreibung der Wolhynier vor 100 Jahren durch Zar Nikolaus II. und an den bekannten Pianisten Swjatoslaw Richter, der 1915 in Schitomir geboren wurde, erinnert.

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