Zu Fuß bis nach Kapstadt : Auf der Walz fünf Paar Schuhe zerschlissen

Nach 1365 Tagen auf der Walz zurückgekehrt: Zimmermann Peter Bongardt  Eberhard Rogmann
Nach 1365 Tagen auf der Walz zurückgekehrt: Zimmermann Peter Bongardt Eberhard Rogmann

Der Zimmermann Peter Bongardt aus Belitz ging bis nach Kapstadt auf Wanderschaft. 1365 Tagen war er auf der Walz. Die Heimkehr wurde gefeiert.

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17. September 2012, 06:46 Uhr

Belitz | Einheimisch gemeldet nach 1365 Tagen auf der Walz - das ist ein Grund zum Feiern. 16 Gesellen geben Peter Bongardt das Geleit zu seinem Elternhaus in Belitz. Mit einem zünftigen Gelage wird die Heimkehr gewürdigt. Seinem Heimatort hatte sich Bongardt in den vergangenen Jahren auf 50 Kilometer nicht nähern dürfen. So schreiben es die Regeln des Fremden Freiheitsschachtes vor, unter dessen Siegel der junge Zimmermann auf Wanderschaft war. Ganz der Tradition verpflichtet in der schwarzen Kluft mit dem Charlottenburger über der Schulter. Das ist das Bündel der wenigen Habseligkeiten, die er mitführt. Immer dabei: das Wanderbuch. Der erste Eintrag datiert vom 9. September 2008.

Tradition gibt strenge Regeln vor

Den Beruf des Zimmermanns hatte er in Berlin erlernt, beim Baukonzern Hochtief. Danach blieb er in der Firma, sanierte Altbauten. "Doch auf Dauer war mir das nichts. Mit 20, ungebunden, da liegt der Gedanke doch nahe, in die Welt zu ziehen", erzählt er. Doch so einfach losziehen ist nicht. Die Tradition überliefert ein strenges Regelwerk. "Die Lehre muss erfolgreich beendet sein, Schulden darfst du nicht haben, keine Frau und Kinder", zählt er auf. Für die ersten fünf Wochen gibt es einen erfahrenen Gesellen als Reisegefährten an die Seite. Der vermittelt dem Neuling, wie man ehrbar beim Meister vorspricht und gibt viele Tipps, die in keinem Buch zu finden sind.

Die Wirklichkeit des Lebens auf der Walz ist oft schwer. "Im ersten Jahr, wenn die Wanderschaft auf den deutschsprachigen Raum beschränkt ist, wird es im Winter hart. Arbeit auf dem Bau ist schwer zu bekommen, der Geldbeutel ist oft leer. Da wird man zum Überlebenskünstler", räumt der Geselle ein. Nur eines ist tabu: stehlen. Das verbietet der Ehrenkodex, den die Gesellen beeiden. "Wer dagegen verstößt, dem wird der Ohrring ausgerissen, den er zu Beginn der Wanderschaft erhielt. Der Betroffene ist damit sichtbar als Schlitzohr zu erkennen."

Wanderschaft bis zum Südzipfel Afrikas

Im zweiten Jahr führte die Reise ihn über den ganzen Kontinent. Von Schweden bis nach Siebenbürgen in Rumänien. Fünf Paar Schuhe hat er auf der Wanderschaft durchgewetzt. Die Leute, denen er begegnete, waren in der Regel aufgeschlossen. "Mit der Kluft wird man ja sofort erkannt. Wo man für länger eine Arbeit findet, ist man schnell integriert", schildert der Zimmermann seine Erfahrung. Den zweiten Winter verbrachte er mit einigen Kameraden auf den Kanarischen Inseln. "Da bauen viele Deutsche ihre Finkas, da hatten wir gut zu tun." Die drei Monate dort - länger darf man nicht an einem Ort verweilen - waren schnell um. Doch die Wanderschaft sollte noch viel weiter führen, bis in den Norden von Namibia und nach Kapstadt am Südzipfel Afrikas. Wanderburschen unter afrikanischer Sonne - das ist eine bizarre Vorstellung. Doch ganz so fremd empfand Bongardt das gar nicht. "Vor 100 Jahren war das Land deutsche Kolonie. Noch heute leben zahlreiche Einwohner mit deutschen Wurzeln dort." Betätigt haben sich Bongardt dort beim Brunnenbohren im Busch.

Mit fünf Euro Bargeld in der Tasche, genau so viel wie bei Antritt der Wanderschaft, kehrte Bongardt nun nach Hause zurück. Lebenserfahren und mit einzigartigen Reiseeindrücken. Und welche Pläne hegt er nun im elterlichen Gutshaus? Die Antwort kommt prompt: "Arbeiten und Geld verdienen. Und vielleicht doch noch einmal auf die Schulbank und den Meister machen." Klar, das war schon vor Jahrhunderten nach der Wanderschaft nicht anders.

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