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Feuer vernichtet Geschäft : Auf den Trümmern seiner Existenz

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Hasdemir Fakir verlor 2014 beim Brand am Markt 29 seinen Laden. Heute ist er krank und lebt von Hartz IV.

von
erstellt am 08.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Die Brandnacht zum 14. August 2014, den Güstrowern ist sie noch in schrecklicher Erinnerung: Meterhoch schlugen die Flammen am Markt 29. Das historische Eckhaus, jahrzehntelang zuletzt nur noch von einer Drogerie genutzt und unmittelbar vor dringender Sanierung stehend, war verloren. Schwer betroffen war auch das Nachbargrundstück. Acht Menschen mussten sich hier aus ihrer Wohnung in Sicherheit bringen. Wie durch ein Wunder wurde damals niemand verletzt. Nach einem anfänglichem Verdachts der Brandstiftung hat die Staatsanwaltschaft alle Ermittlungen eingestellt. Für mutwilliges Legen des Feuers habe man ebenso keinen stichhaltigen Hinweis gefunden wie für einen technischen Defekt.

Das Haus 29 ist längst abgerissen. Der Eigentümer erwarb auch die Nummer 30, die Brandruine wolle er retten, so weit es geht. Drogerieinhaberin Waltraud Bartel ging vorzeitig in Ruhestand, die Bewohner der 30 haben ein neues Zuhause gefunden. Eine Welle warmherziger Hilfsbereitschaft der Güstrower half der Unternehmerin und der aus der Türkei stammenden Familie in der Not. Doch einer bleibt, wie es scheint, auf den Trümmern seiner Existenz zurück. Genau genommen, hat Fakir Hasdemir nicht einmal mehr diese.

Der 44-Jährige war Inhaber des Dönerlokals im Erdgeschoss der Nummer 30. Über das, was seit dem schlimmen 14. August 2014 geschah, ist Hasdemir nur verbittert. Im September darauf musste er bei der Stadt sein Gewerbe, in das er seine persönliche Zukunft gesetzt hatte, zwangsweise abmelden: Das Haus mit seinem „Dönamex“ war baufällig geworden, betreten verboten. Hasdemir zeigt die von der Barlachstadt abgestempelte Bestätigung dafür. Seine große Hoffnung: Wenn das Haus einst wieder aufgebaut sein wird, könne auch er wieder sein Geschäft einrichten. Schließlich hat er 2012 mit dem Vorbesitzer einen Pachtvertrag über zehn Jahre abgeschlossen. Eine vergebliche Hoffnung, wie er inzwischen erfahren musste.


Der Pachtvertrag – wo ging er „verschütt“?


Seit 1993 lebe er in Deutschland, erzählt der Kurde mit türkischer Staatsbürgerschaft. In seiner zweiten Heimat erwarb der gelernte Kellner einen zweiten Berufsabschluss als Eisenflechter. 1997 kam er nach Güstrow, und als es sich hier im Dönerladen am Markt anbot, konnte er wieder in seinen ursprünglichen Beruf zurückkehren. Zunächst als Bedienung, doch alsbald mit der Aussicht, das Geschäft selbst übernehmen zu können. Bereits mit dem damaligen Hauseigentümer, einem Landsmann, habe er dies vereinbart. Der hat das Haus an einen weiteren Landsmann weiterverkauft und ist selbst inzwischen nach Hasdemirs Kenntnis in die Türkei zurückgekehrt. Einen Pachtvertrag, den er bereits in der Tasche hatte, schloss Hasdemir im August 2012 mit dem neuen Eigentümer für zehn Jahre neu ab, so berichtet er (liegt der SVZ vor). Der alte Vertrag sei beim Eigentümer geblieben – und wohl verbrannt.

Mehrfach hat in den letzten Jahren der Eigentümer der 30 gewechselt. Das Haus blieb stets in erbärmlichem äußeren Zustand. Mehrfach mahnte die Stadt eine Sanierung an. Auch die SVZ verwies wiederholt auf die Historie des Hauses und den unehrenhaften Umgang mit seiner Geschichte. Nach einem Sanierungsgebot hatte die Stadt schließlich von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht, der Erwerb klappte jedoch erst nach dem Brand. Schon im Jahr darauf gelang der (stets favorisierte) Weiterverkauf an den jetzigen Eigentümer der Grundstücke Markt 29 und 30 (SVZ berichtete). Der hat sich inzwischen an den Wiederaufbau, zunächst wohl eher ein kontrollierter Abriss, gemacht.

Doch irgendwo bei den Eigentümerwechseln, so scheint es, ging der Pachtvertrag für Hasdemir „verschütt“. Bürgermeister Arne Schuldts Auskunft, ob denn die Stadt vom Vorbesitzer einen Pachtvertrag über die Gaststätte „erworben“ hatte, bleibt im Vagen. Er kenne das Problem schon, das Herr Hasdemir jetzt hat. Schon vor dem Brand sei die Stadt mit dem Dönerchef im Gespräch gewesen, einen Pachtvertrag will er jedoch nie gesehen haben.

Er jedenfalls habe von der Stadt als Verkäuferin keinerlei solcher Verpflichtungen übernommen, sagt Andreas Heyder, der neue Eigentümer, der SVZ. Gastronomie wolle er nach dem Neuaufbau des Hauses nicht wieder einrichten. Zu teuer sei es, Auflagen (Gerüche, Lärm…) an ein Gastronomiegewerbe mitten in der Stadt zu erfüllen. Von dem Problem, das sich daraus für Fakir Hasdemir ergibt, habe er gehört und sich deshalb schon vorsorglich erkundigt: Fällt der Vertragsgegenstand weg, so wie hier die Gaststätte durch Feuer, werde auch der Vertrag nichtig, also die Verpachtung, hätten ihm Anwälte Auskunft über diverse Urteilssprüche gegeben.


Hasdemir: „Das ist doch keine Gerechtigkeit“


Damit steht Fakir Hasdemir nach seinen Worten vor dem Nichts. Vom Schaden, den er für seine Ladeneinrichtung mit 80  000 Euro beziffert habe, hätte die Versicherung gerade mal ein Viertel gezahlt. Damit habe er Schulden beglichen, längst jedoch nicht alle tilgen können. „Ich habe keinen Cent mehr“, sagt er. Von Hartz IV müsse er jetzt leben, und dabei noch froh sein, dass er keine Familie ernähren muss. Und die Woge der Hilfsbereitschaft – um ihn habe sie einen Bogen gemacht. Über die Aufregungen, die ihm das alles bereitete, habe er vergangenes Jahr sogar einen Herzinfarkt erlitten. „Ich bin doch aber Mitglied dieser Gesellschaft, habe 20 Jahre in Deutschland Steuern gezahlt. Zehn Jahre meiner Perspektive sind Schlag kaputt und ich stehe vor dem Nichts, obwohl ich mit dem Feuer nichts zu tun hatte. Das ist doch keine Gerechtigkeit“, denkt Hasdemir.

So einfach hinnehmen will der ruinierte Unternehmer das alles nicht. Da der jetzige Eigentümer ihm glaubhaft versichert habe, dass er mit dem Hauskauf keinen Miet- oder Pachtvertrag übernommen hat, wolle er sich nun mit Anwaltshilfe an den Vorgänger halten. Das ist die Barlachstadt Güstrow.

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